Reiseträume bleiben unerfüllt

Urlaub und Freizeit 1946:

Im ersten Nachkriegsjahr liegt für die meisten Deutschen der Gedanke an eine Urlaubsreise in weiter Ferne. Dies trifft in besonderem Maße für die Millionen von Flüchtlingen aus den Ostgebieten zu, aber auch für die vielen Familien, deren Väter sich noch in Kriegsgefangenschaft befinden. Für die gesamte Bevölkerung bestimmt auch in den Sommermonaten der Kampf ums Überleben den Alltag. Dementsprechend ist die Freizeit äußerst knapp bemessen.

Wer dennoch ein wenig Zeit zu Muße und Erholung findet, sucht beides zumeist in der heimatlichen Umgebung. Die traditionellen deutschen Urlaubsgebiete an der Nord- und Ostseeküste bzw. in den Alpen wären ohnehin nur unter großen Schwierigkeiten zu erreichen. Die wenigen durchgehenden Schnellzugverbindungen dürfen zumeist nur mit besonderen Fahrtberechtigungen benutzt werden, die in der Regel Dienstreisenden vorbehalten sind. Andere Züge verkehren nur unregelmäßig und sind zumeist hoffnungslos überfüllt. Das amtliche Kursbuch, einst viele hundert Seiten stark, ist auf ein dünnes Heftchen zusammengeschrumpft. Manche Fahrt, auch wenn sie nur über wenige hundert Kilometer geht, muss nicht selten für einige Tage unterbrochen werden. Ein großes Problem stellt auch die Versorgung mit Reiseproviant dar, der in ausreichender Menge mitgenommen werden muss, da es unterwegs kaum etwas zu kaufen gibt. Die Lebensmittelkarten besitzen nur am Heimatort Gültigkeit, und »Reisemarken« werden nur an diejenigen ausgegeben, die in dienstlichem Auftrag unterwegs sind. Auch ist es nicht möglich, ohne den begehrten Interzonenpass die Grenzen zwischen den Besatzungszonen auf legale Weise zu überschreiten.

An Auslandsreisen ist schon gar nicht zu denken. Allein einige Gruppen von Kindern haben das Glück, zu einem Erholungsaufenthalt verschickt zu werden. Ansonsten bleiben die Nachbarländer auf unabsehbare Zeit für die deutsche Bevölkerung verschlossen.

Trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen können sich manche Ferienorte in Deutschland über Mangel an Urlaubern nicht beklagen. Da sind zum einen die Besatzungssoldaten, oft mit ihren Angehörigen, für deren Erholung – z. B. in Garmisch-Partenkirchen – nicht selten die besten Hotels requiriert wurden. Deutsche haben keinen Zutritt, es sei denn, sie arbeiten dort als Köche, Kellner oder Musiker. Zum anderen kann es sich trotz des allgemeinen Elends, das in Deutschland herrscht, ein kleiner Kreis wohlhabender Deutscher leisten, in die Ferien zu fahren. Hierzu zählen nicht zuletzt diejenigen Personen, die auf den Schwarzmärkten als Schieber ein Vermögen verdient haben.

Die wenige Freizeit, die den Deutschen bleibt, wird zumeist genutzt, um ein wenig Unterhaltung, Ablenkung und Ruhe zu finden. Man geht ins Kino, ins Theater, in eines der zahlreichen neu gegründeten Kabaretts, oder man nimmt einfach ein Sonnenbad auf dem heimischen Balkon. Auch ein Badeausflug in die nähere Umgebung reicht aus, um die allgemeine Not für einige Stunden zu vergessen. Sportveranstaltungen aller Art sind gut besucht. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei Boxkämpfe, die nicht selten vor ausverkauften Rängen in großen Stadien ausgetragen werden.

Im Vergleich zu Deutschland sieht es im europäischen Ausland vielerorts bedeutend besser aus: Die Seebäder in England, Spanien, an der französischen Mittelmeerküste oder in Italien bieten ein »friedensmäßiges« Bild. Traditionelle Urlaubsländer wie die Schweiz sehen sich allerdings ebenfalls mit Problemen konfrontiert; dort bleiben vor allem die deutschen Touristen aus, die vor dem Krieg die Ferienorte gefüllt hatten. Bei allem muss es vielen Deutschen wie ein Traum vorkommen, was ihnen die Bilder der Wochenschauen aus den USA zeigen. Dort scheinen die Kriegsjahre fast spurlos vorübergegangen zu sein. Es gibt keine zerstörten Städte und keine Lebensmittelkarten. An den Stränden Kaliforniens und Floridas herrscht in den Sommermonaten wie eh und je Hochbetrieb.