Die niedrigsten Rationen seit dem Jahr ’39

Ernährung, Essen und Trinken 1947:

Seitdem 1939, unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, in Deutschland die ersten Lebensmittelkarten ausgegeben wurden, waren die Rationen noch nie so niedrig wie im Jahre 1947. Während Ernährungswissenschaftler ausgerechnet haben, dass ein arbeitender Mensch rund 2400 Kalorien pro Tag benötigt, erhalten die Menschen vielerorts weniger als 900 Kalorien. Nicht einmal 1945, im Jahr des Zusammenbruchs, war die Ernährungslage derart katastrophal.

Die Knappheit an Lebensmitteln hat verschiedene Ursachen. Die Vorräte, die das Kriegsende überdauerten, waren 1946 aufgebraucht. Deutschland hatte mit den Gebieten östlich von Oder und Neiße einen beträchtlichen Teil seiner landwirtschaftlichen Anbauflächen verloren. In den vier Besatzungszonen war die Bevölkerungszahl durch Flüchtlinge und Vertriebene gestiegen, was die Besatzungsmächte wie auch die deutsche Verwaltung vor zusätzliche Probleme stellte. Vereinbarte Lebensmittellieferungen, z. B. zwischen der Ostzone und den Westzonen, kamen nicht zustande. Für Importe aus dem Ausland fehlen Devisen. Außerdem sorgten trockene Sommer in den Jahren 1946 und 1947 sowie ein strenger Winter für erhebliche Ernteeinbußen.

Besonders knapp sind Mehl und Fett. Die Bäckereien gehen dazu über, den Brotteig mit Mais oder Eichelmehl zu strecken. Durch die Beigabe von Molkepulver versucht man den Nährwert zu steigern. In Bayern wird sogar das Bierbrauen verboten, damit genügend Brotgetreide zur Verfügung steht. Um den Fettbedarf zu decken, sammeln die Menschen Bucheckern: Aus vier kg lässt sich immerhin ein Liter Öl gewinnen. Weil es kaum tierische Fette gibt, wird synthetisches Fett hergestellt. Auch Kartoffeln, die vielen als fast einziges Nahrungsmittel dienen, werden rar. So betragen die Zuteilungen in der britischen Zone im Juni nur 500 g. Unter der Bevölkerung wachsen Unmut und Verzweiflung. Es kommt zu Unruhen und Demonstrationen. Anlass der Proteste ist nicht selten auch die unfähige deutsche Bürokratie.

Da man mit dem, was auf Lebensmittelkarten erhältlich ist, kaum überleben kann, muss man zur Selbstversorgung übergehen. Zum Alltag gehören die »Hamsterzüge«, mit denen Städter auf das Land fahren, um Lebensmittel einzutauschen. Im Volksmund wird mit bitterer Ironie dazu bemerkt, dass mancher Bauer sogar schon seinen Kuhstall mit Perserteppichen ausgelegt hat.

Überall blüht der Schwarzmarkt. Hier kosten das kg Rindfleisch bis zu 60 RM, das kg Fett manchmal 400 RM. Sogar Lebensmittelkarten sind dort zu haben. Die Preise schwanken zwischen 160 und 220 RM. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdient im Jahr 1947 durchschnittlich 140 RM monatlich.