Geregelter Schulbetrieb ist in Deutschland noch unmöglich

Bildung 1948:

Das deutsche Schulwesen ist auch im Jahre 1948 nach den Erschütterungen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit von einer Normalisierung noch weit entfernt. Ein geregelter Unterricht und eine solide Ausbildung der Kinder und Jugendlichen werden jedoch sowohl von den Besatzungsmächten als auch von den verantwortlichen deutschen Politikern als vordringlich erachtet. Es gilt, die drohende Verwahrlosung vieler Kinder zu verhindern. Außerdem wird der Schule große Bedeutung bei der Umerziehung der deutschen Jugend im demokratischen Sinne zuerkannt.

Das deutsche Schulsystem kann jedoch diesen hohen Anforderungen und Zielen noch in keiner Weise gerecht werden. Fast unüberwindliche Schwierigkeiten stehen der Erfüllung ihrer Erziehungsaufgaben entgegen. Es fehlt überall an Klassenräumen, an Lehrern, aber auch an Unterrichtsmaterialien: Weil viele Schulgebäude zerstört sind oder zur Zeit noch anderweitig genutzt werden – beispielsweise als Flüchtlingsunterkünfte oder Behelfskrankenhäuser -, drängen sich oft 50 oder 60 Kinder in viel zu kleinen Klassenräumen. Zudem herrscht immer noch großer Mangel an Unterrichtsmitteln, seien es Lehrbücher, Bleistifte oder Schulhefte. Für die aus der Schule verbannten Schulbücher aus der Zeit des Nationalsozialismus konnte wegen Papiermangels noch nicht in ausreichendem Maße Ersatz geschaffen werden. Hinzu kommt, dass neue Entwürfe für Schulbücher von den zuständigen Besatzungsbehörden vielfach aus politischen Erwägungen abgelehnt wurden. Als Notbehelf dienen vielerorts veraltete Schulbücher aus der Zeit der Weimarer Republik.

Ein besonders schwerwiegendes Problem ist der Mangel an qualifizierten und erfahrenen Pädagogen. Durchschnittlich 60% aller Lehrer waren nach dem Krieg auf Anordnung der Besatzungsmächte wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP aus dem Schuldienst entfernt worden. In einigen deutschen Ländern waren sogar bis zu 90% des Lehrpersonals davon betroffen. Hinzu kommt, dass während des Krieges durch die Einberufungen zum Wehrdienst die Lehrerausbildung stark eingeschränkt war. Die Lage in den Schulen hat sich verschärft, seitdem die geburtenstarken Jahrgänge von 1934 bis 1940 in das schulpflichtige Alter gekommen sind und die Kinder der Flüchtlinge in die Schulen drängen. 20% aller Schüler in Deutschland kommen aus Flüchtlingsfamilien.

Der Unterricht findet immer noch unter erschwerten Bedingungen statt. Schulklassen, in denen ein Lehrer bis zu 70 Schüler zu unterrichten hat, sind eher die Regel; in Ausnahmefällen sind sogar bis zu 150 Schüler zu betreuen.

Der Lernerfolg der Kinder wird häufig durch ihren schlechten Gesundheitszustand und die schwierigen häuslichen Verhältnisse beeinträchtigt. Viele Kinder müssen ohne Väter aufwachsen; die Mütter haben nur wenig Zeit, da sie häufig berufstätig sind, um damit den Lebensunterhalt für die Familien zu bestreiten. Viele Kinder haben bereits einen gefährlichen Grad von Verwahrlosung erreicht. Viele betätigen sich als geschäftstüchtige Schwarzhändler. Gelegenheitsdiebstahl erscheint für viele erstrebenswerter als der regelmäßige Schulbesuch.