Bildungspolitiker verwalten nur den Mangel

Bildung 1949:

Wenn sich auch die Lage auf dem Bildungssektor in Westdeutschland 1949 weiter entspannt, kann sie doch auch vier Jahre nach Kriegsende noch keineswegs als normal bezeichnet werden. Weiterhin fehlen Schulgebäude und -möbel, Lehr- und Lernmittel, vor allem aber Lehrer für die etwa 5,5 Millionen Schüler.

Vielerorts kann das Pflichtstundensoll trotz Unterricht in bis zu vier Schichten und Klassenstärken von z. T. weit über 70 Schülern nicht erfüllt werden. Zwar wird vielfach auf die Schäden hingewiesen, die das Bildungsdefizit der jungen Generation für die Entwicklung der Bundesrepublik haben kann, Lösungsvorschläge sind jedoch selten.

Ein Versuch ist die Einrichtung einer Musterschule für 2000 Kinder in einem Kasernenblock im westfälischen Höxter. Die ehemalige Soldatenunterkunft wird zu 40 Klassen und sechs Lehrerwohnungen umgebaut. Statt der sonst üblichen Schulbänke stehen Tische und Stühle in den geräumigen und hellen Klassenzimmern.

Neben dem Bemühen, zunächst die materiellen Voraussetzungen für einen sinnvollen Schulunterricht zu schaffen, bleiben Reformvorhaben in der Bildungspolitik meist in den Ansätzen stecken. Die Lehrer unterrichten nach den Reichslehrplänen von 1938, die so gut wie möglich von nationalsozialistischem Gedankengut bereinigt worden sind; das Prinzip der Bekenntnisschule bleibt weitgehend unangetastet, ebenso die Trennung der Geschlechter in den weiterführenden Schulen.

Ein Gesetz zur Schulreform gibt es derzeit nur in Hamburg. Dort beschließt die Bürgerschaft mit den Stimmen der SPD und der KPD am 2. September ein Gesetz, das die Einführung einer sechsjährigen Grundschulzeit, eines 13. Schuljahres für die wissenschaftliche Oberschule sowie des nicht konfessionsgebundenen Religionsunterrichts vorsieht.

Auch an den Universitäten geht es vor allem darum, materielle Nöte zu beheben. Wohnungsnot und Geldmangel bestimmen den Alltag der Studenten. Wer nicht von den Eltern unterstützt wird, muss sein Studium durch eigene Arbeit finanzieren; Stipendien sind rar, allgemeine staatliche Hilfen gibt es nicht. An der Freien Universität Berlin stammen im Wintersemester 1948/49 nur etwa 20% der Studenten aus Arbeiterfamilien; knapp 40% sind Kinder von Selbstständigen, überwiegend von Ärzten und Rechtsanwälten.