Frischfleisch und Vollmilch bleiben vorerst Mangelwaren

Ernährung, Essen und Trinken 1949:

Was ein Jahr zuvor noch fast undenkbar schien, ist 1949 schon zur Selbstverständlichkeit geworden: Die meisten Deutschen müssen nicht mehr hungern, wenn auch wie seit zehn Jahren verschiedene Grundnahrungsmittel rationiert bleiben (siehe Tabelle).

Obwohl die Versorgung mit Lebensmitteln im Allgemeinen gut ist, wird weiter über das mangelnde Angebot an Lebensmitteln tierischen Ursprungs, vor allem an Frischfleisch und Milchprodukten, geklagt. Milch gibt es für den sog. Normalverbraucher nur in Form von Magermilch, die – wie in einer Verordnung von 1942 festgeschrieben – nur 2,5% Fett enthält.

Lediglich Kinder bis zu zehn Jahren werden in gewissem Umfang auch mit Vollmilch versorgt; die Rationen decken aber zumeist nicht den Bedarf. Außerdem ist die Milch häufig in hohem Maße mit Keimen verseucht, ein Umstand, der für die hohe Säuglingssterblichkeit mitverantwortlich gemacht wird.

Während Fleisch und Milchprodukte überwiegend aus heimischer Erzeugung stammen, sind die deutschen Westzonen bei vielen anderen Nahrungsmitteln auf Importe angewiesen. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die bisherigen »Kornkammern« Deutschlands, die östlichen Provinzen, nun unter polnischer Verwaltung stehen und nicht mehr für den deutschen Verbrauch genutzt werden können. Außerdem müssen durch die starke Zuwanderung von Vertriebenen und Flüchtlingen sehr viel mehr Menschen ernährt werden als vor 1945.

So stammt über die Hälfte des in Westdeutschland verbrauchten Weizens aus dem Ausland; bei den übrigen Getreidesorten ergibt sich ein ähnliches Bild. Ebenso wird Frischgemüse vielfach aus den Niederlanden bezogen. Hier kommt es im Juni 1949 zu einem vorübergehenden Engpass, weil das vereinbarte Kontingent erschöpft ist und kein neuer Importvertrag vorliegt. Neben Frischgemüse greifen die Deutschen vielfach auf Konserven oder Selbsteingemachtes zurück. Um das Gemüse haltbar zu machen, wird es neuerdings auch tiefgefroren. Keine Versorgungsschwierigkeiten gibt es in Westdeutschland im Wirtschaftsjahr 1949/50 mit Kartoffeln.

Während eine ausreichende Ernährung nun weitgehend gesichert ist, wird das Bedürfnis nach einer Verfeinerung der Speisen größer. Gewürze standen jedoch bislang kaum und nur zu völlig überhöhten Preisen zur Verfügung. 1949 können Gewürze nun erstmals seit Kriegsende zu Weltmarktpreisen in die deutschen Westzonen importiert werden. Außerdem gibt der Frankfurter Wirtschaftsrat für die Bizone ein zunächst für die Sojawurstherstellung vorgesehenes Gewürzkontingent für den allgemeinen Verbrauch frei. Hierdurch gelangen u. a. Pfeffer, Muskat, Koriander und Piment in die westdeutschen Küchen.

Ebenso tauchen 1949 wieder Obst- und Gemüsesorten aus Übersee auf dem deutschen Markt auf. Im Juni trifft erstmals seit zehn Jahren eine Ladung Bananen aus Kolumbien in Westdeutschland ein.

Besonderen Anklang findet 1949 auch das erste Bier in Friedensqualität (vor allem das erste Oktoberfestbier), das allerdings noch sehr teuer ist. Zuvor hat es nur »bierähnliche« Getränke bzw. – nach der Währungsreform vom Juni 1948 – leichtere Biere mit geringem Alkoholgehalt gegeben. Ebenfalls noch rar und teuer ist das zweite deutsche »Volksgetränk« – der Kaffee -, der ebenso wie Tee mangels Devisen 1949 in ganz Europa nur in geringen Mengen importiert wird.