Vespa feiert als preiswerter Autoersatz in Europa Triumphe

Auto und Verkehr 1949:

Von Italien aus tritt der Motorroller als billiges und bequemes Verkehrsmittel seinen Siegeszug durch Europa an. Ausgelöst wird die Rollerwelle durch den Erfolg der Vespa, die seit 1945 in ständig wachsenden Stückzahlen von der ehemaligen Flugzeugfabrik Piaggo in Genua hergestellt wird.

Der Motorroller zeichnet sich gegenüber dem Motorrad dadurch aus, dass der Motorblock vollständig unter einer Blechverkleidung verschwindet, so dass der Fahrer vor Verschmutzungen geschützt ist und herabhängende Kleidungsstücke sich nicht in der laufenden Maschine verfangen können. Außerdem verfügt der Motorroller über einen Durchstieg wie beim Damenfahrrad: Der Fahrer sitzt nicht rittlings, sondern in normaler Sitzposition auf dem Gefährt.

Beide Eigenschaften machen das Fahren mit dem Roller eleganter und bequemer als auf dem Motorrad, so dass nicht nur sportliche Jugendliche, sondern auch gesetzte Herren und Frauen in engen Kleidern das Verkehrsmittel benutzen können. Für mitfahrende Frauen gilt eine weitere Besonderheit: Sie dürfen sich auf der langen Sitzbank des Motorrollers auch im Damensitz transportieren lassen.

Bei der bislang weitgehend konkurrenzlosen Vespa werden statt des bei Zweirädern üblichen geschweißten Rahmens, der eine Massenproduktion erschwert, Stahlbleche verwendet; die Vespa hat eine »selbsttragende« Karosserie. Ihr 123-cm3-Motor mit einer Leistung von 5 PS wurde aus dem Anlassmotor für ein Jagdflugzeug entwickelt. Die Konstruktion der Vespa mit dem weit hinten liegenden Motor birgt allerdings auch Probleme: Das Fahrzeug »bäumt« sich schnell auf. Die kleinen Räder machen den Motorroller zusätzlich instabil. Keine Schwierigkeiten bereiten dagegen der geringe Preis und die niedrigen Unterhaltskosten. Eine Vespa kostet 120 000 Lire (rund 700 DM) und verbraucht auf 100 km nur 2 bis 3 l Benzin. Um sie zu fahren, ist kein Führerschein erforderlich, und auch die Steuern fallen kaum ins Gewicht. Für die Dauer eines Jahres ist der Motorroller außerdem vom Werk aus gegen Unfall und Diebstahl versichert.

Auch in der Bundesrepublik macht das preiswerte und bequeme Fahrzeug schnell Furore. Der Unternehmer Jakob Oswald Hoffmann stellt ab Ende 1949 in Lintorf bei Düsseldorf Vespas in Lizenz her; viele Fahrzeugbauer in ganz Europa entwickeln außerdem eigene Motorroller-Konstruktionen.