Es ist wieder alles zu haben

Ernährung, Essen und Trinken 1950:

1950 hat sich die Ernährungslage in der Bundesrepublik Deutschland so weit normalisiert, dass die Lebensmittelmarken nach über zehn Jahren abgeschafft werden können. Dies bedeutet, dass die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig vorbei sind, auch wenn noch nicht alle Lebensmittel in den von den Verbrauchern verlangten Mengen angeboten werden können.

Die langjährigen Erfahrungen mit der Lebensmittelrationierung führen jedoch dazu, dass viele Bundesbürger auf Gerüchte oder Krisenzeichen mit panikartigen Hamsterkäufen reagieren. Als nach dem Ausbruch des Koreakriegs am 25. Juni eine neuerliche Bewirtschaftung befürchtet wird, sind Zucker und Fett in kürzester Zeit in den Geschäften ausverkauft.

Nachdem wieder »alles zu haben ist«, ändern sich auch die Ernährungsgewohnheiten der Westdeutschen gegenüber der unmittelbaren Nachkriegszeit und nähern sich denen aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg an. Getreideprodukte, die in den Hungerjahren das Überleben sicherten, sind weniger gefragt als vor dem Krieg. Welche große Rolle der »Sattmacher« Brot dennoch weiter spielt, zeigen die Proteste nach der von der Bundesregierung gestatteten Erhöhung der Brotpreise.

Dafür steigt der Konsum von Fleisch, Milch und Eiern deutlich an, aber auch Zucker, frisches Obst und Fette spielen dank des wachsenden Angebots in der Ernährung der Bundesbürger wieder eine größere Rolle. Wichtigstes und mit durchschnittlich 0,11 DM pro kg auch billigstes Nahrungsmittel der Westdeutschen bleibt die Kartoffel, von denen jeder Bundesbürger 1950 im Schnitt 477 kg verzehrt. Insgesamt gibt im Jahr 1950 ein bundesdeutscher Durchschnittshaushalt 160,15 DM pro Monat für Nahrungs- und Genussmittel aus, dies entspricht 38,8% der Gesamtausgaben eines Haushalts. Dafür erhält der Durchschnittsverbraucher im Wirtschaftsjahr 1950/51 täglich Lebensmittel mit einem Brennwert von 2807 Kalorien, 1938 waren es noch 3072 Kalorien. Im Hungerwinter 1946/47 erreichten die zugeteilten Rationen häufig nicht einmal 1000 Kalorien pro Tag. Einige Bundesbürger kämpfen bereits mit Übergewicht, so dass Diätvorschläge in den Zeitschriften wieder in Mode kommen.

Obwohl die landwirtschaftliche Produktion im eigenen Land immer ertragreicher wird, bleibt die Bundesrepublik Deutschland in einigen Bereichen – insbesondere bei Fett und Zucker – auf Importe angewiesen. Bei allen Getreidesorten und Kartoffeln geht der Anteil der Einfuhren dagegen immer weiter zurück. Dies liegt zum einen an der Ausweitung der genutzten landwirtschaftlichen Flächen, aber auch an den vor allem durch hohen Kunstdüngereinsatz beträchtlich gesteigerten Hektarerträgen in der westdeutschen Agrarwirtschaft.