Klassenstärke in der Volksschule: 44 Kinder

Bildung 1950:

Die Situation an den Schulen und Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland ist 1950 noch durch Mängel gekennzeichnet. Eine umfassende Reform, mit der das Bildungswesen dem neuen demokratischen Staat angemessen umgeformt werden könnte, ist nicht in Sicht; Erneuerungsvorhaben in einzelnen Bundesländern kommen häufig nicht über Ansätze hinaus. So bleiben in weiten Teilen des Bundesgebiets das alte Schulsystem, die Aufteilung in Volks- (Grund- und Hauptschule), Mittel- (Realschule) und Oberschule (Gymnasium), und mit ihm die unterschiedlichen Bildungschancen für Schüler aus verschiedenen sozialen Schichten bestehen. Lediglich in Bremen, Hamburg und Berlin (West) ist eine sechsjährige Volksschulpflicht eingeführt worden, so dass hier die Separierung der Schüler nach ihren weiteren Bildungsgängen erst zwei Jahre später erfolgt als in den übrigen Bundesländern. In Bremen gibt es darüber hinaus Schulen, an denen die Kinder in verschiedenen Zweigen, aber in einem gemeinsamen Gebäude unterrichtet werden. Mittel- und Oberschule bleiben wie in der Vorkriegszeit Bildungseinrichtungen für eine Elite: Von den über sieben Mio. Schülern, die im Mai 1950 registriert sind, besuchen 88,0% die Volksschule, 2,7% die Mittel- und 8,5% die Oberschule; 0,8% gehen auf eine Sonderschule. Unter den Schulabgängern stellen diejenigen, die zwischen Mai 1949 und Mai 1950 nach der achtjährigen Pflichtzeit ihre Schullaufbahn beenden, mit 93,6% einen noch höheren Anteil. 2% erreichen in dieser Zeit die Mittlere Reife, 4,4% legen das Abitur ab.

Besonders in der Volksschule wird der Unterricht durch einschneidende Mängel beeinträchtigt. Häufig werden mehrere Jahrgänge in einem Klassenraum und von einem Lehrer gemeinsam unterrichtet. Fast 45% der Volksschulen haben nur ein oder zwei Klassen. Die Schülerzahl je Klasse liegt im Bundesdurchschnitt in diesem Schulzweig bei 44 gegenüber 38 in Mittel- bzw. 31 in Oberschulklassen. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist an Volksschulen im Durchschnitt 1 : 48, an Mittelschulen 1 : 33 und an Gymnasien 1 : 21.

Neben dem gravierenden Lehrermangel fehlt es auch an Schulgebäuden und Unterrichtsmaterialien. Trotz dieser Beeinträchtigungen werden vielerorts Versuche unternommen, Lösungen für die sozialen Probleme der Schüler zu finden. Zum einen geht es um die Integration der Flüchtlings- und Vertriebenenkinder, von denen viele die deutsche Sprache nur unzureichend beherrschen; sie leiden außerdem häufig noch unter den Folgen des Krieges und der Flucht, sind nervös und unkonzentriert. Aber auch bei anderen Kindern sind die Auswirkungen von Krieg und Nachkriegszeit noch häufig spürbar. Hinzu kommt, dass fast die Hälfte aller Schüler nur mit einem Elternteil aufwachsen muss.

Projekte, mit denen die Schwierigkeiten dieser Kinder aufgefangen werden sollen, sind u. a. die sog. Freiluftschulen, in denen die Schüler auch wohnen können. In ihnen liegt die Klassenstärke durchschnittlich bei 25 Kindern; unterrichtet wird nicht nach einem bestimmten Schema, sondern den Lebensumständen der Schüler angepasst. Besonderen Wert legen die Freiluftschulen auf praktische Fähigkeiten, sie vermitteln aber auch Kenntnisse, etwa der Körperpflege oder der Gesundheitsvorsorge, die sonst dem Elternhaus überlassen bleiben. Ein großer Teil des Unterrichts spielt sich im Freien ab; dadurch sollen die Kinder, die häufig in einem schlechten gesundheitlichen Zustand sind, auch in ihrer körperlichen Entwicklung gefördert werden.

An den Universitäten hat sich die Lage nach dem Boom der ersten Nachkriegsjahre etwas entspannt. Im Wintersemester 1950/51 sind an den Hochschulen im Bundesgebiet knapp 105 000 Studenten, fast 2000 weniger als im Vorjahr, immatrikuliert. 9000 von ihnen studieren im ersten Semester, während es ein Jahr zuvor noch 13 400 Studienanfänger gegeben hat. Der Frauenanteil unter den Studenten liegt mit 16,9% etwa so hoch wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Unterrichtet werden die Studierenden von 4040 Professoren und Privatdozenten sowie 1345 Lehrbeauftragten. Letztere wurden in den ersten Nachkriegsjahren eingestellt, um die große Studentenzahl zu bewältigen.