Zu viel zu tun für zu wenige

Arbeit und Soziales 1950:

Gesellschaft und Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland können sich zwar 1950 weiter stabilisieren, jedoch bleiben die Folgen des Zweiten Weltkriegs als teilweise ungelöste soziale Probleme bestehen. Schwierigkeiten bereiten die Entschädigung und Integration von Kriegsopfern, seien es Versehrte, Flüchtlinge und Vertriebene, nach langer Haft entlassene Kriegsgefangene, eltern- und heimatlose Jugendliche oder andere Gruppen, die sich nicht nahtlos in die Gesellschaft einfügen lassen.

Wegen der stark gestiegenen Bevölkerungszahl – 1939 lebten auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland 39 Mio. Menschen, jetzt sind es 45 Mio. – kommt ein weiteres Problem hinzu: Die hohe Arbeitslosigkeit, die Randgruppen besonders hart trifft, sowie ein Mangel an Ausbildungsplätzen.

Obwohl im Februar 1950 über zwei Mio. Menschen eine Stelle suchen, steigen die Arbeitszeiten der Beschäftigten immer weiter an: 1950 arbeitet ein männlicher Industriearbeiter durchschnittlich 49,1 Stunden pro Woche, 1947 waren es fast zehn Stunden weniger. Seine Kollegin ist 45,5 (1947: 36,1) Stunden wöchentlich beschäftigt.

Sehr ungleich bleibt die Bezahlung bei Männern und Frauen: Während ein männlicher Arbeiter in der Industrie mit 1,39 DM je Stunde entlohnt wird, erhält eine Arbeiterin nur 0,89 DM. Entsprechend liegt der durchschnittliche Wochenverdienst eines Arbeiters mit 68,40 DM weit über dem seiner Kollegin (40,59 DM).

Dank Lohnerhöhungen und längerer Arbeitszeit haben die westdeutschen Industriearbeiter 1950 rund 11% mehr Geld in der Lohntüte als im Jahr zuvor. Demgegenüber sinkt der Lebenshaltungsindex (1938 = 100) von 172 im Jahr 1949 auf 161; dies liegt vor allem an den gesunkenen Preisen für Nahrungsmittel und Haushaltsgegenstände sowie an den stabilen Mieten, die seit Kriegsende nur um 3% gestiegen sind.

Dass es den Bundesbürgern immer besser geht, zeigt u. a. eine Umfrage des Bielefelder Sozialforschungsinstituts EMNID über den Verbesserungsbedarf in den Bereichen Ernährung, Kleidung, Wohnung. Für keine der befragten Berufsgruppen – freie Berufe, Selbstständige, Angestellte/Beamte, Arbeiter, Rentner, Landwirte – ist der Wunsch nach besserem Essen der vordringlichste. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist vielmehr für alle befragten Bevölkerungsgruppen wenigstens zufriedenstellend.

Während in den schlechter bezahlten Berufen der Wunsch nach besserer Kleidung dominiert, liegt bei Angestellten, Beamten, Selbstständigen und Angehörigen freier Berufe das Bedürfnis nach besseren Wohnverhältnissen klar vorn.