Bescheidener Lebensstandard und hohe Arbeitsmoral

Arbeit und Soziales 1952:

Die insgesamt 23 489 000 Beschäftigten in der Bundesrepublik haben 1952 ihr Auskommen, denn im Gegensatz zu den direkten Nachkriegsjahren reicht jetzt ein Monatsverdienst, um die Lebenshaltungskosten zu decken.

Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt am Tag bei in Industrieunternehmen beschäftigten Arbeitnehmern neun Stunden, der durchschnittliche Bruttostundenlohn 1,71 DM. Eine vierköpfige Familie benötigt 320 DM im Monat zum Leben. So kann ein in der Industrie beschäftigter Arbeitnehmer mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 370 DM zwar keine Reichtümer anhäufen, aber er ist in der Lage, seine Familie zu ernähren. Zusätzlich steuern auch die Ehefrauen mit ihrem Lohn zum Familienunterhalt bei. Ein Drittel der Arbeitnehmer sind weiblich, 30% davon sind verheiratet. Für diese dreifach belasteten Frauen, die Hausfrauen, Erwerbstätige und Mütter in Personalunion sind, existiert immer noch eine Frauenlohngruppe. Ein Lohngleichheitsgebot für Männer und Frauen gemäß dem Gleichberechtigungsanspruch, der im Grundgesetz Art. 3 II verankert ist, wurde bisher weder von den Gewerkschaften noch von politischen Parteien realisiert.

Die ausgeprägte Arbeitsmoral und die bescheidene Lebensweise der Arbeitnehmer nach den sog. Trümmerjahren, mit Engagement und hohem physischem Einsatz den Aufschwung der deutschen Wirtschaft voranzutreiben, verbindet sich aber nicht mit Unterwürfigkeit gegenüber innerbetrieblichen Strukturen.

Das Jahr 1952 ist von Arbeitskämpfen mit Streiks und Kundgebungen gekennzeichnet, zu denen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) aufruft. Gefordert werden mehr Mitbestimmung durch ein neues Betriebsverfassungsgesetz, eine auf 40 Wochenstunden verkürzte Arbeitszeit und eine bessere soziale Sicherung des Arbeiters. Unter großem Protest des DGB verabschiedet der Deutsche Bundestag am 19. Juli ein Betriebsverfassungsgesetz. Das neue Gesetz orientiert sich stark am Betriebsrätegesetz von 1920 und weniger an dem 1951 verabschiedeten paritätischen Mitspracherecht der Arbeitnehmer in der Montanunion, das den DGB-Zielen stärker entsprochen hätte. Hier ist der gleichberechtigte Anteil von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern im Aufsichtsrat und Vorstand von Unternehmen mit über 1000 Beschäftigten garantiert.

Gesetzlich verankert sind in der neuen Regelung der Betriebsverfassung die Friedenspflicht der Arbeitnehmer, ein ausdrückliches Arbeitskampfverbot, politische Neutralität und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmer und -geber.

Durch das neue Gesetz finden erstmals auch Gewerkschaftsvertreter Zutritt in den Aufsichtsrat, um dort die Position des Arbeitnehmers zu stärken. Gegenüber der Regelung aus der Weimarer Zeit müssen jetzt statt höchstens zwei Arbeitnehmer-Vertretern mindestens ein Drittel der Aufsichtsratssitze von Kapitalgesellschaften dieser Arbeitnehmer-Interessenvertretung zur Verfügung gestellt werden. Neu ist ferner eine zum ersten Mal gesetzlich festgeschriebene paritätische Mitbestimmung, die sich allerdings nur auf soziale Bereiche wie Arbeits- und Urlaubszeiten sowie Arbeitsordnung beschränkt.

Scharf kritisiert wird von den Gewerkschaftern die Regelung, dass der Betriebsrat in wirtschaftlichen und personellen Fragen, z. B. bei Einstellungen und Kündigungen, nur eine beratende und keine entscheidende Funktion hat.