Mit Vollgas in die Auto-Ära

Verkehr 1952:

Der allmählich wachsende Wohlstand und ein dynamischer Außenhandel verändern die bundesdeutsche Verkehrsstruktur. Automobile und Flugzeuge gewinnen als schnelle Fortbewegungsmittel, auch durch neue Anforderungen an die individuelle Mobilität, immer mehr an Bedeutung.

Die Zahl der Personenkraftwagen nähert sich zum Jahresende der 1-Mio.-Grenze. Darunter befinden sich fast 200 000 Fahrzeuge des Baujahrs 1952. Zwar bestimmen nach wie vor Fahr- und Motorräder das Straßenbild, doch den Siegeszug des Automobils scheint nichts aufhalten zu können. In der Bundesrepublik Deutschland symbolisiert es wie kein anderes Produkt das Schlagwort vom »Wohlstand für alle«.

Andererseits offenbart der zunehmende Individualverkehr bereits seine Schattenseiten in Form rapide steigender Unfallzahlen. Gegenüber 1950 ereignen sich in diesem Jahr 50% mehr Zusammenstöße. Die Zahl der dabei Verletzten nimmt um den gleichen Prozentsatz zu, die der Getöteten steigt um 20% auf 7590.

Der bundesdeutsche Flugverkehr war bislang durch alliierte Vorbehaltsrechte stark eingeschränkt. Durch die Liberalisierung dieser Bestimmungen ändert sich jetzt die Situation. So nimmt in Essen die Deutsche Versuchsanstalt für Luftforschung ihre Arbeit wieder auf, die bis 1945 an Weiterentwicklungen im Flugzeugbau arbeitete. Wenig später gründet sich in Düsseldorf der aus Flugzeugindustriellen und Luftfahrtexperten zusammengesetzte »Verband zur Förderung der Luftfahrt«. Dieser plant, den nach dem Zweiten Weltkrieg von den vier Siegermächten verbotenen deutschen Flugzeugbau wiederaufzunehmen. Das Bundeskabinett stimmt der Gründung der »Gesellschaft für Luftbedarf« zu, aus der 1953 die neue Deutsche Lufthansa hervorgehen soll.

Die wachsende Bedeutung der Luftfahrt lässt sich an den wachsenden Passagierzahlen ablesen: Bei 55 000 Starts befördern die Maschinen ausländischer Fluggesellschaften mehr als 720 000 Fluggäste, was gegenüber 1951 eine Steigerung um 35% bedeutet. Zu dem wesentlich höheren Passagieraufkommen trägt u.a. die Einführung der Touristenklasse bei, die das Fliegen preiswerter macht. Mit der Eröffnung des Flughafens in Hannover-Langenhagen wird eine weitere Lücke im regionalen Flughafennetz geschlossen.

Die Deutsche Bundesbahn dagegen schreibt »rote Zahlen«. Ihre Bilanz für 1952 schließt mit einem Defizit von 200 Mio. DM. Hauptursache des Minusbetrags ist die seit vier Jahren ständig zurückgehende Zahl beförderter Personen, die von 1 328 183 000 im Jahr 1948 auf jetzt 1 219 009 000 absinkt, was einen Rückgang um 8% bedeutet. Auch die volkstümliche Namensgebung für D-Züge auf langen Strecken – so verkehrt nun das »Münchener Kindl« zwischen Frankfurt am Main und München – kann den Negativtrend nicht stoppen. Lediglich im Güterverkehr ist ein Umsatzplus zu verzeichnen. Zukunftsmusik für den Einsatz im Alltag ist die in Köln erfolgreich erprobte Einschienen-Schnellbahn, die Zugfahrten kürzer, leiser und komfortabler machen soll.

Obwohl die Straßenbahnen mit 56,8% noch den Hauptteil des öffentlichen Personennahverkehrs bestreiten, geht auch ihr Anteil zurück. Demgegenüber wächst die Bedeutung der Kraftomnibusse, deren Zahl sich mit 20 000 gegenüber 1949 verdoppelt hat. Bei unverändertem Schiffsbestand zieht die Binnen- und Seeschifffahrt eine positive Jahresbilanz. Zwar werden 61% aller Güter auf der Straße befördert, doch kann der Warentransport auf dem Wasserweg trotz DDR-Sperrmaßnahmen um insgesamt 10% gesteigert werden.