Neue Ziele contra alte Zöpfe

Bildung 1952:

Während in allen gesellschaftlichen Bereichen des jungen Staates Bundesrepublik Deutschland Fortschrittlichkeit und Modernität angestrebt werden oder bereits Einzug gehalten haben, ist die Bildungspolitik von dieser Zeitströmung kaum erfasst worden.

Das Schulwesen orientiert sich sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch an den bildungspolitischen Idealen der Weimarer Zeit, die sich in konfessionell gebundenen Schulen, Chancenungleichheit und autoritären Erziehungsformen äußern. Die Atmosphäre an deutschen Schulen ist von einer Festschreibung dieses Status quo und der Verhinderung reformistischer Einflüsse geprägt. Das traditionelle Schulsystem in der Aufteilung Volks-, Mittel- und Oberschule fördert ein Bildungswesen, das die Schüler über Jahre auf den einmal gewählten Schultyp festlegt. Hierdurch wird die Förderung begabter Schüler vernachlässigt, da ein Wechsel von allgemeinbildenden Schulen zum Gymnasium von den Kultusministerien der Länder noch nicht vorgesehen ist. Dass der Besuch der Oberschule wie zu Großvaters Zeiten das Privileg einer kleinen Elite ist, belegen die Schülerzahlen. Die Volksschule wird von 5 425 085 Kindern besucht. Demgegenüber sind es nur 266 409 Kinder in Mittelschulen und 684 041 Schüler, die Gymnasien besuchen. Aus der hohen Anzahl der Volksschüler ergibt sich für die allgemeinbildenden Schulen noch ein weiteres Ausbildungsdefizit: Mehrere Jahrgänge werden aufgrund von Platzmangel in einem Klassenraum gleichzeitig unterrichtet. Notdürftige Unterkünfte und mangelndes Unterrichtsmaterial verschärfen die Unterrichtsbedingungen.

Staatliche Maßnahmen für eine Reform im Schulbereich beziehen sich 1952 jedoch nicht auf diese Missstände, sondern auf eine Vereinheitlichung des Schulwesens aller Bundesländer. Bisher werden unter der Kulturhoheit der Länder verschiedene Bildungssysteme praktiziert. So ist die Schulpflicht uneinheitlich lang definiert, die Schuljahre beginnen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten, und die Lehrpläne sowie die Prüfungsanforderungen für das Abitur sind von Bundesland zu Bundesland verschieden. Auf ihrer Jahreskonferenz bekräftigen die Kultusminister der Länder ihren Wunsch nach »der Vereinheitlichung und Gesundung« des Schulwesens. Darüber hinaus einigen sich die Minister auf die einheitliche Festsetzung einer 13-jährigen Schulzeit bis zum Abitur, eine mindestens vierjährige Grundschulzeit und die gegenseitige Anerkennung der Abiturzeugnisse.

An bundesdeutschen Universitäten studieren im Sommersemester 1952 insgesamt 104 722 Studenten, darunter sind nur 17% Frauen. Besonders der Bereich der Rechtswissenschaft ist noch Männerdomäne, von 11 727 Studierenden sind nur 976 Hochschüler Frauen. Die Situation der deutschen Studenten wird vor allem durch soziale Nöte dominiert. Mehr als 75% der Hochschüler müssen mit weniger als 100 DM ihren monatlichen Lebensunterhalt bestreiten. Ein Viertel aller Studenten arbeitet, um Studium und Lebensunterhalt finanzieren zu können. Eine Studie über die Situation des akademischen Nachwuchses in der Bundesrepublik Deutschland vom »Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft« bilanziert, dass drei Viertel der Studenten sich ihrem Studium nicht mehr ausreichend widmen könne, weil ihre materiellen Sorgen sie zu sehr belasten würden. Abhilfe für die Notlage der Studenten, so die Studie des Stifterverbands, soll eine Erhöhung der Spenden von Staat, Wirtschaft, wissenschaftlichen Verbänden und Kommunen schaffen. 1952 werden bereits 1,4 Mio. DM durch Studienstiftungen zur Unterstützung der Studenten aufgebracht. Bildungspolitisch herrscht an den Hochschulen eine gespannte Atmosphäre. Professoren fordern eine Ausbildung mit mehr Allgemeinbildung in Form eines »Studium generale«. Hierbei wird neben einem fachspezifischen Studiengang ein Examen in Kunst- oder Wirtschaftsgeschichte verlangt. Die Hochschüler setzen sich jedoch für eine stärkere Liberalisierung der Universitätsausbildung ein. Studentische Mitbestimmung beim Entwurf von Studienplänen soll das autoritäre Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden abbauen. Ferner wünschen sich die Studenten, dass durch die Einbeziehung junger wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrbetrieb moderne Theorien und Methoden Eingang in Forschung und Lehre finden. Diese Forderung hatten bereits die Alliierten 1948 erhoben.