Politik, Leistung und Nutzen dominieren jetzt die Baukunst

Architektur 1952:

Die Architektur, die als Baukunst über reine Nützlichkeitserwägungen hinausgeht, tritt 1952 vor dem nach wie vor akuten Problem der Wohnungsnot in der Bundesrepublik Deutschland weitgehend in den Hintergrund. Schnelles und zweckorientiertes Bauen sind die beherrschenden Postulate beim Wohn- und Städtebau, nicht nur in Westdeutschland, sondern auch in der DDR. In beiden Teilen Deutschlands entstehen vier- bis achtstöckige Wohnhäuser in raschem Tempo. In Westdeutschland ist der funktionelle und kostengünstige Baustil Notwendigkeit zur schnellen Lösung der Wohnungsnot.

In der DDR wird der Wiederaufbau der Städte nach 1945 von den gleichen Erfordernissen bestimmt. Zusätzlich wird die Städte- und Wohnbaupolitik in das ideologische Konzept der »sozialistischen Stadt« eingebettet. Diesem städtebaulichen Neustrukturierungsplan leistet die 1952 gegründete Deutsche Bauakademie in der praktischen Umsetzung entscheidende Unterstützung. Die »sozialistische Stadt« legt den Wohnungsbau als bestimmenden Faktor in das Herz der Großstadt. Die traditionelle Trennung zwischen großbürgerlich geprägtem Stadtkern und Arbeitervierteln, nahe den industriellen Produktionsstätten gelegen, wird hierbei aufgehoben. Die Stadt soll jetzt Spiegel für die einheitlichen Sozialstrukturen des Arbeiter- und Bauernstaates werden. Dieses »Nationale Aufbauprogramm« ist Bestandteil des Fünfjahresplanes. Paradebeispiel der neuen und als richtungweisend propagierten Architektur in der DDR sind die 1952 erstellten Wohnhäuser an der Stalinallee (später Karl-Marx-Allee) mitten im Ostberliner Stadtkern. Die fünfstöckigen Monumentalbauten, mit jeweils 80 Meter langen schmucklosen Betonfassaden, beinhalten insgesamt 2680 Wohnungen mit identischem Grundriss. Ferner sind darin kollektive gesellschaftliche Einrichtungen wie Waschküchen, Kindergärten, Ausstellungsräume für volkseigene Betriebe und Kulturstätten untergebracht.

In den USA zeichnet sich ein Trend zum Monumentalstil ab, dessen Ursachen im Vormarsch industrieller Produktionsformen auch im Bausektor liegen. Architekten sind nicht mehr wie von dem Direktor des Bauhauses, Walter Gropius, gefordert, Handwerker, die Kunst und Technik zu Werkkunst vereinen, sondern Verwalter einer gigantischen Fließbandproduktion für Gebäude. Den Menschen durch Architektur eine schönere Umgebung und eine bessere Lebensqualität zu schaffen, tritt vor Nützlichkeitserwägungen in den Hintergrund. Großstadtmonolithen aus Glas, Stahl und Beton sind das Produkt dieser Architektur der Bürokratie, die in hoher Geschwindigkeit kostengünstige Geschäftshäuser und öffentliche Gebäude mit würdevollem Äußeren produzieren kann.

Das US-amerikanische Unternehmen Skidmore, Owings & Merill folgt mit seinem 1952 fertiggestellten Lever House an der New Yorker Park Avenue dieser Architekturentwicklung. Der US-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright kritisiert diese ornamentfeindliche, funktionale Architektur in Anspielung auf das Gebäude des Seifenmittelkonzerns Lever: »Der Wolkenkratzer … macht es unmöglich, in der heutigen Großstadt zu leben. Der Wolkenkratzer stapelt die Menschen übereinander … Die meisten Architekten, die wir für modern halten, sind in Wirklichkeit Tapezierer, die die Fassaden bekleben. Solche Gebäude kann man eigentlich nicht als Architektur bezeichnen. Plakate für Whisky, Plakate für Seife.«