Westbindung der Bundesrepublik bringt bedingte staatliche Souveränität

Politik und Gesellschaft 1952:

Sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzt sich für die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland die Normalisierung ihres Alltags fort. Möglich wird dies durch die Stabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse.

Das Votum von Bundeskanzler Konrad Adenauer für eine enge Bindung an die freie Welt entspannt das Verhältnis zu den westlichen Nachbarstaaten. Adenauer sieht in der Anlehnung an den Westen die einzige Chance, Deutschland politisch zu rehabilitieren und wirtschaftlich wiederaufzubauen. »Wir stehen«, so führt er bei der Bundestagsdebatte über den Deutschlandvertrag am 9. Juli 1952 aus, »am Scheideweg der deutschen Geschichte«. Die Entscheidung für eine Zusammenarbeit mit dem freien Westen fällt durch die Unterzeichnung des Deutschlandvertrags, der die Bundesrepublik zu einem bedingt souveränen Staat macht. Mit der Anerkennung staatlicher Hoheitsrechte der Bundesrepublik dokumentieren die Westmächte ihre Bereitschaft, den früheren Kriegsgegner als gleichberechtigten Partner in die Völkergemeinschaft aufzunehmen. Damit ist die Grundlage für ein aktives Mitwirken der Bundesrepublik an der Neugestaltung Europas geschaffen. Die Bildung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) unter Einschluss der Bundesrepublik ist ein erstes Zeichen der Wandlung vom besetzten Land zum international respektierten Staat.

Eine ganz andere Vorstellung über die politische Zukunft der Bundesrepublik vertritt Adenauers Gegenspieler im Bundestag, der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher. Seine Forderung, der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten absoluten Vorrang zu geben, findet jedoch keine Mehrheit. Zu unsicher ist den meisten Parlamentariern die Zukunft eines neutralen Deutschlands, das sich – entmilitarisiert – im Kalten Krieg ohne Hilfe von außen zwischen westlicher und östlicher Ideologie behaupten müsste.