Zeitgemäßes »Zuhause« hat wenig Komfort

Wohnen und Design 1952:

Die Wohnsituation in der Bundesrepublik Deutschland ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs unverändert angespannt, obwohl der Notstand der unmittelbaren Nachkriegszeit überwunden ist: Denn es fehlen 1952 in der Bundesrepublik noch rund 3,5 Mio. Wohnungen. Mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus entstanden in den letzten zwei Jahren insgesamt 1,5 Mio. Wohnungen. Hierbei wird mit öffentlichen Geldern die Errichtung mietgünstiger Wohnungen unterstützt. Täglich nimmt jedoch die Zahl der Wohnungssuchenden zu, so dass dieses Konzept nur begrenzt die Wohnungsnot lindern kann. Der Strom der Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und die Flüchtlinge aus der DDR bringen 1952 allein 200 000 neue Wohnungssuchende in die Bundesrepublik.

So bleiben die Begriffe »Beengtheit« und »wenig Komfort« die beherrschenden Charakteristika der bundesdeutschen Wohnung. Nur jede fünfte Wohnung ist mit sanitären Einrichtungen ausgestattet. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nutzt öffentliche Badeanstalten oder die schlichte Zinkwanne, um sich zu waschen. Fließendes Wasser gibt es lediglich in der Hälfte aller Wohnungen. Über elektrisches Licht verfügen nahezu alle Haushalte. Den Luxus einer Zentralheizung kennen nur 7% der Bevölkerung. Zeitgemäß wohnen bedeutet 1952 wohnen zur Untermiete, zu zweit in einem, oder zu dritt in zwei Räumen. Durch neue, bauherrenfreundliche Gesetze, wie etwa das Bauspar-Prämiengesetz, werden jedoch alle möglichen Anstrengungen unternommen, die Wohnungsnot in der Bundesrepublik Deutschland zu überwinden. Für die Neuanschaffung von Möbeln und Einrichtungsgegenständen gibt der Bundesbürger im Jahresdurchschnitt 245 DM aus: Das sind 50 DM weniger als für Ausgaben in den Bereichen Bildung, Unterhaltung und Erholung.

Der Verbraucher stellt nun auch immer anspruchsvollere Forderungen an das moderne Mobiliar, mit dem er seine Wohnung einrichtet. Es muss funktional, leicht zu reinigen, kostengünstig und raumsparend sein. Die Möbelindustrie versucht den gestiegenen Ansprüchen durch größere Angebotsvielfalt gerecht zu werden. Als praktische Lösungen finden jetzt besonders die Schrankwand im Wohnzimmer und der Einbauschrank im Schlafzimmer große Resonanz bei den Möbelkäufern. Die Wohnzimmer-Schrankwand wird als Raumteiler eingesetzt, wenn der Wohnraum gleichzeitig als Schlafzimmer genutzt wird.

Sachlich und zweckmäßig ist das Möbeldesign; es wird auf überflüssige Schnörkel verzichtet. Mit verchromten Zweckkonstruktionen und pflegeleichten Kunststoffbeschichtungen aus Resopal und Plastik präsentiert sich das Möbelstück im »Gegenwartsstil«. Aktuell, wie in den Vorjahren, ist die klassische Nierentisch-Form mit konisch zulaufenden Beinen. Diese organische, gerundete Form dominiert genauso beim Cocktailsessel wie bei den Wohnaccessoires Lampen und Vasen.

Die Einbauküche revolutioniert die Küchen der deutschen Hausfrauen. In voller Breite und Höhe der Wände angebrachte Schrankwände bieten ihr viel Stauraum.

Geschirr, Haushaltsgerät, Abfalleimer und Geschirrtücher verschwinden jetzt von Wand, Boden und aus Omas Küchenvitrine hinter Schrankwänden. Ausklappbare Küchentische ermöglichen auch auf kleinstem Raum einen raumsparenden Essplatz.

Neues bringen die Hersteller auch im Bereich der Haushaltsgeräte auf den Markt. »Dienstbare Geister« wie elektrische Kaffeemühlen, Mixer und Multifunktions-Küchenmaschinen sollen der Hausfrau die Arbeit erleichtern. Was hier zum Kauf angeboten wird, bestimmt jedoch den Küchenalltag noch recht wenig. Teig wird meist noch von Hand geschlagen und die Wäsche in großen Bottichen auf dem Herd saubergekocht.

Ein weiterer Einrichtungsgegenstand im Angebot der modernen Wohnraumgestaltung ist die Musiktruhe. Wer es sich bereits leisten kann und genügend Platz in seinem Wohnzimmer hat, für den steht sie im Möbel- oder Radiogeschäft zum Kauf bereit. Einige dieser Musiktruhen sind mit Plattenspieler, Tonband und Rundfunkgerät bestückt. Allerdings ist der Preis für ein solch repräsentatives Musikmöbel, 3250 DM, für den Großteil der Bevölkerung noch unerschwinglich. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 332 DM steht in den meisten bundesdeutschen Haushalten ein einfaches Radiogerät oder ein kleiner Kofferplattenspieler, bei dem der Lautsprecher im Deckel eingelassen ist.