Bundesdeutscher Wohlstand auf Kosten der unsichtbaren Verlierer

Politik und Gesellschaft 1953:

Den Bundesbürgern bescheren die Ereignisse aus der DDR vom 17. Juni mit dem »Tag der deutschen Einheit« einen zusätzlichen freien Tag. Während die DDR-Bürger ihrem Land in Scharen den Rücken kehren (die Zahl von mehr als 330 000 Flüchtlingen wird erst 1989 wieder erreicht), beginnen die Bundesdeutschen, sich im Wohlstand des Wirtschaftswunderlands gemütlich einzurichten. Für die junge Bundesrepublik Deutschland ist es ein Jahr der politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung. Ein »Wir-sind-wieder-wer«-Gefühl macht sich breit. »Man ist zufrieden im neuen Staat – vielleicht zu zufrieden. Man fühlt sich sicher darin – vielleicht zu sicher.« So beschreibt der US-amerikanische Publizist Norbert Mühlen die Stimmungslage der Bundesdeutschen. »Die Bundestagswahlen haben nur bestätigt, was man Tag für Tag in Westdeutschland sieht – es geht besser als je zuvor. Man ist stolz auf Leistung und Erfolg, man hat wieder ein Dach über dem Kopf, Wein im Keller und Blumen in den Vasen – wer wäre da nicht zufrieden, nach allem, was geschehen ist?«

Die Wirtschaft wächst, der Export blüht, die Deutsche Mark ist stabil. »Immer mehr und immer besser« – der Slogan einer Volkswagenreklame bringt den Zeitgeist auf den Punkt. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verspricht den Kühlschrank für jedermann, auf den Straßen rollen immer mehr Autos, Nierentisch und Cocktailsessel halten Einzug in die Wohnstuben. O. W. Fischer und Maria Schell lassen die Kinogänger von der großen Liebe träumen, »Tagesschau« und Peter Frankenfeld flimmern in den ersten Fernsehhaushalten über den Bildschirm. Ein Blick hinter die Wohlstandsfassade zeigt aber auch, dass mehr als eine Million Menschen arbeitslos sind, dass noch immer Zehntausende Flüchtlinge und Vertriebene in Notaufnahmelagern hausen, dass Hunderttausende Wohnungen fehlen, dass unzählige Kriegshinterbliebene und Invaliden in Armut leben müssen.