Elektronik auf dem Vormarsch

Wissenschaft und Technik 1953:

Im Vordergrund des technischen Fortschritts stehen anwendungsbezogene Entwicklungen in der Elektrotechnik bzw. Elektronik. Von fachübergreifendem Interesse sind die schon 1933 in Japan entwickelten Keramikmagnete. Führten sie vor zwei Jahren zur Erfindung kleiner Ringkernspeicher für Rechenautomaten, so stellt die niederländische Firma Philips jetzt erstmals Magnettonköpfe aus ferritischem Material her. Mit ihnen lassen sich Magnettonbänder beschreiben, abhören und löschen.

Für den seit 1948 verwendeten Transistor ergibt sich ein neuer Anwendungsbereich: Die britische Firma Sonotone bietet erstmals elektronische Hörhilfen mit einem Transistor als Verstärkerelement an. Das batteriebetriebene Gerät ist dadurch wesentlich kleiner als die bisherigen Hörgeräte.

Auch bei der Steuerung von medizinischen Apparaturen bewährt sich die Elektronik, z. B. bei der Herz-Lungen-Maschine, die der US-amerikanische Chirurg John Heynsham Gibbon erstmals während einer schweren Operation verwendet. Die Maschine übernimmt insbesondere im Bereich der Herzchirurgie die Funktion des Herzens als Pumpe und erfüllt darüber hinaus die Aufgabe der Lunge, das Blut mit Sauerstoff anzureichern.

In Industrie und Haushalt finden erstmals die im Vorjahr entwickelten Mikrowellenröhren Anwendung, das sind Elektronenröhren, die im Frequenzbereich bis zu 300 Gigahertz (GHz) arbeiten (ein Gigahertz bedeutet eine Mrd. Schwingungen pro Sekunde). Mikrowellen im Frequenzbereich um 2,4 GHz benutzt jetzt die US-amerikanische Raytheon Manufacturing Company in ihrem Küchenherd: Die elektromagnetischen Wellen bringen die Moleküle in den Lebensmitteln zum Schwingen, wodurch Reibungswärme erzeugt wird. Einzug in den Alltag feiert die Elektronik in den USA auch auf dem Gebiet der Fernsehtechnik: Die US-Funküberwachungsbehörde gibt das Farbfernsehen nach dem NTSC-Standard frei. Die physikalische Forschung verkündet einen Erfolg im Bereich der Teilchenphysik, die Entdeckung des Elementarteilchens Neutrino. Wurde die Existenz dieses subatomaren Teilchens bereits 1931 von dem Kernphysiker Wolfgang Pauli angenommen, so verrät es jetzt erstmals seine Spuren in Kernreaktoren bei dem Beta-Zerfall von Atomkernen. Mit Sicherheit nachgewiesen werden die Neutrinos allerdings erst 1956, als ein in einem Kernreaktor entstandenes Antineutrino mit einem Proton reagiert und dabei ein Neutron und ein Positron entstehen.

Im Bereich der Molekularbiologie sorgt das Raummodell der DNS (Desoxyribonucleinsäure) für Furore, mit dem erstmals die Anordnung der Erbinformationen in lebendigen Zellen vorstellbar ist.