Neue Kunststoffe aus den Chemielabors

Wissenschaft und Technik 1953:

Die frühen 50er Jahre markieren den Durchbruch des Plastik-Zeitalters. Von der Baubranche bis hin zu Haushaltsgeräten und Kleidungsstücken finden Kunststoffe in allen Bereichen zunehmend Anwendung. Auch die Autoindustrie entdeckt den Kunststoff. Auf dem Pariser Autosalon im Oktober stellen mehrere, meist kleinere Firmen aus den USA, Frankreich und Großbritannien Karosserien aus kunstharzgetränktem Glasfasermaterial vor. Die um 1948 entwickelten glasfaserverstärkten Kunststoffe (sog. GFK-Materialien) werden von den Autokonstrukteuren bei der Produktion von Kleinserien verwendet. Bei den in der Praxis der Automobilindustrie benutzten GFK-Materialien handelt es sich um glasarmierte Polyesterharze. In der Serienproduktion setzen sich diese Kunststoffkarosserien jedoch nicht durch. Wissenschaftlern gelingt in diesem Jahr die Synthese zweier neuer Kunststoffe. Der bundesdeutsche Chemiker Karl Ziegler erzeugt unter Einsatz von Aluminiumkatalysatoren aus Äthylen Niederdruck-Polyäthylen. Im Unterschied zu dem bisher schon bekannten Hochdruck-Polyäthylen zeichnet sich dieser Kunststoff durch eine größere Härte, Festigkeit und Dichte aus. Der italienische Chemiker Giulio Natta weitet das von Ziegler entwickelte Verfahren auf andere Katalysatoren aus. Dabei entdeckt er eine Polymerisationsmethode, die sich auch auf andere Kunststoffe anwenden lässt. Beide Wissenschaftler werden für diese Forschungen 1963 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet.

Einen weiteren neuen Kunststoff bringt der deutsche Chemiekonzern Bayer unter der Bezeichnung »Makrolon« auf den Markt. Der Synthetikwerkstoff ist ein Polycarbonat von großer Härte, Festigkeit und Schlagzähigkeit. »Makrolon« ist bis weit über 100° C hitzeresistent und widersteht auch extrem tiefen Temperaturen. Das Material ist zudem gegen Witterungseinflüsse sowie viele Chemikalien resistent, es eignet sich hervorragend als elektrischer Isolator und ist gut lichtdurchlässig.

Den Weg ins Kunststoff-Zeitalter ebnete der deutsche Chemieprofessor Hermann Staudinger bereits in den 20er Jahren. Mit seinen Forschungsarbeiten über die Makromoleküle legte er die Basis für die Entwicklung vieler synthetischer Materialien. Er wird dafür mit der Verleihung des diesjährigen Chemie-Nobelpreises geehrt.