Durcheinander im Verkehr erfordert neue Konzeptionen

Verkehr 1954:

Im Mittelpunkt der verkehrspolitischen Diskussion in der Bundesrepublik stehen 1954 Fragen der Neuordnung des Verkehrswesens: Seit 1949 hat sich die Zahl der Kraftfahrzeuge um das 2,5fache auf rund 4 Millionen erhöht, die in den planerischen Vorgaben für die weitere Verkehrsentwicklung berücksichtigt werden müssen.

Um der Flut des motorisierten Verkehrs auf den Straßen Herr zu werden, legt Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (Deutsche Partei) im September ein 10-Jahres-Programm vor, das die Ausbesserung bzw. den Neubau von insgesamt 75 000 km Straße vorsieht; dafür werden jährliche Ausgaben von rund 2,3 Milliarden DM veranschlagt. Ab 1955 soll auch der während des Zweiten Weltkriegs unterbrochene Autobahnbau wieder aufgenommen werden; u. a. die Strecken Köln-Aachen (60 km) und Frankfurt am Main-Würzburg (120 km) sollen in den folgenden sieben Jahren endgültig fertiggestellt werden.

Die Sicherheit im Straßenverkehr ist ein in der Öffentlichkeit ständig diskutiertes Thema, nachdem die Zahl der Verkehrstoten von 1952 (7590) auf 1953 (11 025) um über 45% hochgeschnellt ist. Bonner Verkehrsexperten erklären dies mit der höheren Verkehrsdichte: Gegenüber den Vorkriegsjahren lege heute jedes Fahrzeug jährlich das Zwei- bis Zweieinhalbfache an Kilometern zurück; insofern sei es verwunderlich, dass nicht noch mehr Unfälle passierten. Ein besonderes Problem sei zudem der bundesdeutsche Mischverkehr aus etwa 2,2 Millionen Krafträdern, 1,3 Millionen Pkw, 600 000 Lkw, 23 000 Omnibussen, 5800 Straßenbahnen und 15 Millionen Fahrrädern, den es in dieser Ausprägung in keinem anderen Land der Welt gebe. Zur Entwirrung dieses »Verkehrssalates« schlagen Straßenbauer Spezialstraßen vor, auf denen der Verkehr nach Fahrzeuggattungen sortiert rollen soll. Vorbild dafür seien die Autobahnen, auf denen sich insgesamt nur rund 1,8% der jährlichen Unfälle ereignen. Verkehrspsychologen suchen die Ursachen für die steigenden Unfallzahlen bei den Verkehrsteilnehmern: Das Rasen im Auto sei eine Art Urfreude – vergleichbar den wilden Pferderennen von Steppenvölkern – bei der Vernunft durch Tollkühnheit abgelöst würden. Nach Untersuchungen des Kölner Forschungsinstituts für Verkehrssicherheit werden etwa 75% der Unfälle von einer Minderheit ständiger Verkehrssünder verursacht, denen die Fähigkeit zu geordneter Verkehrsteilnahme fehle.

Die Pläne der Bundesregierung für eine gezielte Tarifpolitik sehen vor, dass der Massenguttransport über weite Entfernungen vorwiegend der Deutschen Bundesbahn und der Binnenschifffahrt überlassen wird, während der flächendeckende Güterverkehr im Nahbereich über das bestehende Straßennetz abgewickelt werden soll.