»Form des Nützlichen« auf dem Vormarsch

Wohnen und Design 1954:

Die bundesdeutschen Designer haben 1954 den Anschluss an die internationale Entwicklung der letzten Jahre gefunden: Ihre Devise heißt Zweckmäßigkeit. Allerdings gibt es weiterhin eine Kluft zwischen Avantgarde-Design und den eher traditionellen Wünschen breiter Käuferschichten, die besonders auf der Internationalen Kölner Frühjahrsmesse für Möbel deutlich wird. Die Mailänder Triennale für industrielle Gebrauchsgüter und architektonische Neuheiten enthielt 1951 erstmals eine Abteilung mit dem programmatischen Titel »Die Form des Nützlichen«: Die damit propagierte Verbindung von Ästhetik und Funktionalität bei Gebrauchsgegenständen hielt in den folgenden Jahren einen weltweiten Siegeszug. Für die 10. Triennale 1954 bestätigen Beobachter auch den bundesdeutschen Vertretern in Mailand »Fortschritte«, obwohl die Formgebung in der Bundesrepublik gegenüber den US-amerikanischen und den schwedischen Vorbildern um Jahre nachhinke (»Welt«).

Der »neue Stil«, der auch auf der Internationalen Kölner Frühjahrsmesse für Möbel dominiert, zeichnet sich durch klare zweckgebundene Konstruktionen – so z. B. bei der raumsparenden, technisch bestimmten Wohnküche – aus. Durch die kontrastreiche Verwendung heller kräftiger Farben soll der »Raumakkord« hergestellt werden, und bisher ungebräuchliche Materialien, wie »zigarettenfeste« Kunststoffplatten, betonen die Absicht, die Merkmale industrieller Herstellung eher hervorzuheben als zu verbergen. Motive von Künstlern wie Pablo Picasso oder Alexander Calder finden Verwendung bei der Formgebung und Musterung.

Nach Aussagen von Fachleuten der Möbelbranche reagieren die Kunden allerdings eher verunsichert auf den Boom der klaren Linie: So verlange z. B. der Bergmann des Ruhrgebiets weiterhin den Möbeltyp des »Gelsenkirchener Barock« – zugespitzt im großen Küchenbüffet mit Aufbauten und Scheibengardinen. Das Bedürfnis nach biederer Repräsentation sei oft größer als die Neugier auf den »letzten Schrei«.