Natur wird wiederentdeckt – Unterwegs mit Zelt und Decke

Urlaub und Freizeit 1954:

Die »zeitgemäße« Urlaubsform ist 1954 das Camping. Nach Frankreich (1700 Zeltplätze) hat die Bundesrepublik innerhalb weniger Jahre in Europa mit 350 Plätzen die zweithöchste Dichte an Campingplätzen erreicht.

Nur 18% derjenigen, die 1954 eine Urlaubsreise antreten (insgesamt rund 40% der Bundesbürger), fahren ins Ausland; der Rest bleibt in »deutschen Landen« – bevorzugt wird Bayern. Denn für die meisten Reisehungrigen ist eine Fahrt zu den Wunschzielen – an der Spitze der Beliebtheitsskala stehen Italien, die Schweiz und die USA – viel zu teuer. Auch die Möglichkeiten der Bundesbürger, »individuell« zu reisen, z. B. mit dem eigenen Pkw, sind noch sehr begrenzt: Für 56% ist der Zug das Reiseverkehrsmittel, nur 20% verreisen mit dem Pkw. Das Camping, die aus den USA importierte Lust, im Urlaub den »Lagerplatz« in die Natur zu verlegen, entspricht am ehesten den finanziellen Möglichkeiten vieler Bundesbürger. Im Gegensatz zu früheren »Zurück-zur-Natur-Bewegungen« verbindet sich der aktuelle Wunsch nach Romantik allerdings zunehmend mit dem Verlangen nach einem gewissen Komfort, den die aufstrebende Freizeitindustrie (auf der Frankfurter Frühjahrsmesse gibt es 1954 erstmals eine gesonderte Camping-Messe) zahlungskräftigen Kunden anbietet: Nach Angaben des ADAC besitzen 1954 immerhin schon 11 000 seiner Mitglieder einen Wohnwagen oder ein modernes Zelt.

Für viele finden Urlaub und Freizeit jedoch im Nahbereich statt – bei einer Wochenarbeitszeit von rund 50 Stunden (Industriearbeiter) und einem knappen Jahresurlaub zwischen 12 und 21 Tagen liegen das Freibad, der Baggersee, der Stadtpark oder der Schrebergarten näher als ferne Länder.