Neue Wege des Rationalismus

Architektur 1954:

Der in den 20er Jahren wegweisende und nach dem Zweiten Weltkrieg als vorherrschende Architekturrichtung wiedererstandene Internationale Stil (Rationalismus) bestimmt auch 1954 das Schaffen vieler Architekten; die Etabliertheit und das Alter der Protagonisten dieses Stils – so sind z. B. Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius bereits 68 bzw. 71 Jahre alt – bewirken allerdings einen spürbaren Mangel an Originalität bei vielen »nachklassischen« rationalistischen Bauten. Junge Architekten versuchen gleichzeitig, mit Sachlichkeit und Formenstrenge dem Sog der alten Vorbilder zu entkommen.

Die bundesdeutsche Architektur hat Mitte der 50er Jahre wieder internationale Wettbewerbsfähigkeit erlangt, indem sie sich besonders an dem von deutschen Emigranten mitgeprägten US-amerikanischen Standard orientiert. Das Vorbild USA wird 1954 z. B. vom Chicagoer Architektenbüro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) repräsentiert, nach dessen Entwurf in diesem Jahr das »Inland-Steel«-Hochhaus in Chicago fertiggestellt wird. Vertreter einer solchen von kubischen Formen aus Glas und Stahl geprägten Architektur in der Bundesrepublik ist Egon Eiermann (1954: Matthäus-Kirche in Pforzheim).

Das britische Architektenehepaar Alison und Peter Smithson hat seit einigen Jahren gegen die Stagnation des internationalen Stils die Grundlagen des sog. New Brutalism erarbeitet – der Schöpfungsbau dieser Architekturrichtung, die Hunstanton School in Norfolk, wird 1954 abgeschlossen. Die »Neuen Brutalen« setzen vor allem auf Materialehrlichkeit und Betonung der Konstruktion. So sind bei der Hunstanton School z. B. technische Installationen wie Rohre und Verkabelung sichtbar. US-Vertreter des Brutalismus ist Louis Kahn.