Billiges Bauen hat Vorrang

Architektur 1955:

Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist in der Bundesrepublik Deutschland die Bereitstellung von Wohnraum noch immer die herausragende gesellschaftliche Aufgabe. Obwohl seit 1949 mehr als 3 Mio. Wohnungen – davon rund 1,9 Mio. im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus – fertiggestellt wurden, fehlt es in den großen Städten, die während des Krieges bevorzugtes Ziel der alliierten Bomberverbände waren, an Wohnraum.

Angesichts dieser Wohnungsnot stehen bei der Errichtung von Neubauten vor allem finanzielle Aspekte im Vordergrund. Schnelles und preisgünstiges Bauen ist gefragt. Ästhetische Gesichtspunkte werden daher häufig vernachlässigt. Die von vielen Stadtplanern favorisierten Großsiedlungen mit Hochhäusern stoßen in der Bevölkerung nur auf wenig Gegenliebe. So unternimmt die Wohnungsbaugesellschaft »Neue Heimat« 1955 eine Befragung unter der städtischen Bevölkerung über die von ihnen bevorzugte Wohnform. Dabei äußern rund ein Drittel der Befragten den Wunsch nach einem Einfamilien-Reihenhaus. 55% würden gerne in ein zwei- bis fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus einziehen. Nur rund 12% der Befragten sind bereit, in einem Hochhaus zu wohnen.

Stadtplaner und Architekten stoßen mit ihren ehrgeizigen Großprojekten auch auf Widerstand in der Bevölkerung: Die Arbeiten an dem von Ernst May konzipierten Hamburger Neubaugebiet Neu-Altona, das auf einer Fläche von 170 ha einmal mehr als 40 000 Menschen eine Heimat bieten soll, werden auf Antrag der Anwohner 1955 durch ein gerichtliches Bauverbot zunächst gestoppt. Mays Pläne, die den Abriss von 2800 Wohnungen zugunsten des Neubaus von 12 000 Wohnungen vorsehen, müssen nun überarbeitet werden. Die vorhandenen Wohnungen in Neu-Altona werden nun – soweit möglich – saniert und in das Gesamtkonzept einbezogen.

1955 werden in der Bundesrepublik einige herausragende Bauten fertiggestellt. Max Bill baut die neue Hochschule für Gestaltung in Ulm, deren Rektor er auch ist. Als beispielhaft gilt das von den Architekten Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau entworfene Stadttheater in Münster, das wegen seiner kühnen Formgebung als einer der gelungensten deutschen Nachkriegsbauten bezeichnet wird. Deilmann kommentiert – stellvertretend für die jungen deutschen Architekten – seinen futuristisch anmutenden Bau mit den Worten: »Wir waren … gar nicht der Meinung, daß man so tun müsse, als ob der Krieg nie stattgefunden hätte. Die Zäsur sollte einfach sichtbar bleiben. Wir waren der Überzeugung, daß wir unseren eigenen Beitrag zum Wiederaufbau leisten sollten, so schön der verlorene Zustand auch gewesen sein mag …«.

Weitgehend befreit von finanziellen Zwängen sind die Architekten, die in den USA arbeiten. Hochschulen, Museen und Konzerne verfügen über große Geldmittel und beschäftigen so international angesehene Architekten wie Frank Lloyd Wright, Aldo van Eyck oder Eliel Saarinen. Der Deutsche Ludwig Mies van der Rohe, früherer Direktor des Bauhauses in Dessau, ist einer der vielbeschäftigsten Architekten in den USA. 1955 wird der von ihm entworfene Gesamtkomplex der Technischen Hochschule Chicago nach 17-jähriger Bauzeit fertiggestellt. Mies van der Rohe, bislang vor allem durch seine pavillonartigen, klar proportionierten Flachbauten hervorgetreten, entwirft 1955 in Zusammenarbeit mit Philip Johnson für den US-Konzern »Seagram« ein Hochhaus in New York. Das Gebäude, das durch die großzügige Verwendung von Glas trotz seiner Größe leicht wirkt, gilt als einer der markantesten »Wolkenkratzer« der Stadt.