Bundesländer einigen sich auf einheitliches Schulwesen

Bildung 1955:

Die Kultusminister der Länder fassen einen für das Bildungswesen der Bundesrepublik richtungweisenden Beschluss. Sie einigen sich auf ein Abkommen zur Vereinheitlichung des Schulwesens (sog. Kasseler Abkommen). Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beschneidet damit der westliche Teil Deutschlands die Auswüchse des Kulturföderalismus.

Bislang herrschten in der Bildungspolitik der einzelnen Länder große Unterschiede, da das Grundgesetz nur grundsätzliche Richtlinien vorschreibt. So muss u. a. die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre gewährleistet sowie die Ausübung des Religionsunterrichtes aller Konfessionen garantiert werden. Diese dezentralisierte Bildungspolitik, die auf der Tradition des deutschen Föderalismus beruht und bereits in der Weimarer Republik verfassungsrechtlich verankert war, wurde trotz einer Reihe von Nachteilen nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches nahezu unverändert übernommen.

Unterschiedliche Lehrpläne machten bislang eine Vergleichbarkeit von Ausbildungsgängen unmöglich und erschwerten den Umzug von Schülern und Lehrern in ein anderes Bundesland. Die Dauer des Schulbesuches war unterschiedlich, Versetzungen wurden nicht immer anerkannt. Ein z. B. in Niedersachsen ausgestelltes Zeugnis hatte in Baden-Württemberg formal keine Gültigkeit. Arbeitgeber klagten zunehmend über die Vielzahl von unterschiedlichen Schulabschlüssen, die eine Einschätzung der Qualifikation erschwerten.

Um diese Mängel zu beseitigen, unterzeichnen die Kultusminister der Länder am 17. Februar 1955 in Düsseldorf das Abkommen zur Vereinheitlichung des Schulwesens. Der Beginn des Schuljahres wird bundesweit auf das Frühjahr festgelegt, Englisch als erste Fremdsprache eingeführt. Ab sofort gelten einheitliche Bezeichnungen für die mittleren und höheren Schulen. Zeugnisse werden von den Bundesländern gegenseitig anerkannt.

Auch die Unterrichtsmittel sollen vereinheitlicht werden. Bisher wurden in den Schulen der Bundesrepublik mehr als 100 verschiedene Bücher benutzt; sogar innerhalb einer Stadt wie z. B. Düsseldorf kursierten sechs verschiedene Mathematikbücher für die Schüler einer Altersklasse. Künftig wird ein von den Kultusministern der Länder eingesetztes Gremium die Lehrmittel weitgehend angleichen. Dennoch sollen die Bundesländer weiterhin das Recht behalten, bestimmte Schulbücher für den Unterricht zuzulassen.

Das Abkommen zur Vereinheitlichung des Schulwesens wird von der bayerischen Landesregierung nicht unterzeichnet. Ihr sind die Einschränkungen der Kulturhoheit der Länder zu weitreichend. Daher bestehen in Bayern weiterhin unterschiedliche Regelungen.