Computerentwicklung setzt neue Maßstäbe

Wissenschaft und Technik 1955:

Herausragend sind auf technischem Gebiet eine Reihe von Entwicklungen, die sich durch neuartige Verbindungen von elektrischen und elektronischen Bauelementen mit Bauteilen der Präzisionsfeinmechanik ergeben. Aus dem Zusammenwirken resultiert zunächst eine breite Palette steuerungstechnischer Elemente, z. B. Servomotoren, Temperatur- und Druckregler sowie entsprechende Steuerungskomponenten. Diese sind zugleich eine praktische Antwort auf die theoretischen Fortschritte in der Regelungstechnik während der vergangenen zehn bis 15 Jahre. Aber auch hohe Präzision erfordernde elektromechanische und elektronische Einzelgeräte kommen neu auf den Markt, wobei zunehmend die seit 1948 als Bauelement bekannten Transistoren Eingang in die industrielle Fertigung finden. Die britische Firma EMI stellt z. B. die ersten »Scanner«, elektronische Bildabtaster mit integriertem Computer, her. Sie erfassen Farbbilder bis zum Format 204 x 254 mm und sind eine Grundlage sowohl für die automatische Bildauswertung wie für moderne Farbdruckverfahren.

Nach dem 1941/1947 von dem US-Amerikaner Edwin H. Land entwickelten »Polaroid«-Verfahren werden jetzt erstmals Fotoapparate gefertigt. Und auch eine Patentanmeldung seines Landsmannes Chester Carlson aus dem Jahre 1937 führt zu einem Marktprodukt: Trockenkopiergeräte nach dem »Xerox«-Verfahren, die mit Normalpapier arbeiten.

Harry Olson und Herbert Belar bauen im US-Bundesstaat Kalifornien den ersten Musik-Computer oder »Synthesizer«, mit dem auf rein elektronischem Weg Töne und Klänge jeglicher Art produziert werden können. Die frequenzbestimmenden Elemente sind elektrische Schwingkreise, deren Signale sich durch geeignete Schaltungen verstärken und beliebig modulieren lassen, was zu einer Vielzahl spezieller »Sound-Effekte« führt. Gesteuert werden die Synthesizer durch Lochstreifen. Neu auf dem Elektroniksektor ist auch der erste transistorbestückte Rechenautomat der Welt: »Tradic«. Dieser geht in den »Bell-Laboratories« in den USA am 19. März erfolgreich in Betrieb.

Zu den neuentwickelten Industriewerkstoffen gehören oxidkeramische Materialien, die sich durch extreme Härte und entsprechend hohe Abriebfestigkeit auszeichnen. Einen Durchbruch in der Werkstoffforschung stellen auch die erstmals in Deutschland auf den Markt gebrachten schlauchlosen Autoreifen dar. Sie setzen neben geeigneten Gummimischungen speziell geformte Felgen voraus und zeichnen sich durch hohe Lebensdauer aus. Einen Werkstoff extremer Reinheit, nämlich einschluss- und schlierenfreies Glas, erfordert die Erfindung des Briten Narinder Kapany: Er experimentiert erstmals mit gläsernen Lichtleitern, die später als Breitbandkabel Bedeutung erlangen.

Eine für die Schifffahrt bedeutende Erfindung macht der britische Ingenieur Christopher Cockerell. Ihm wird das Luftkissenprinzip für sein Schwebefahrzeug »Hovercraft« patentiert, das 1959 zu seiner Jungfernfahrt startet.

In der UdSSR beschäftigen sich Energieforscher mit einem der ersten Solarenergie-Großprojekte: In einem Wüstengebiet Armeniens installieren sie 1300 bewegliche, dem Sonnenstand nachführbare Spiegel, die das Sonnenlicht sammeln und gebündelt auf einen Wärmespeicher lenken. Von großer Bedeutung für die wissenschaftliche Forschung ist das von dem deutschen Physiker Edwin Wilhelm Müller erfundene Ionenfeldmikroskop. Es projiziert atomare Strukturen durch direkte Abstrahlung und kann Objete um das 500 000 fache vergrößern. Ein Erfolg der atomphysikalischen Grundlagenforschung ist schließlich die Entdeckung des Elements Mendelevium durch Albert Ghiorso, Glenn T Seaborg und andere US-Wissenschaftler an der Universität von Berkeley (Kalifornien).