Deutsches »Wirtschaftswunder« ermöglicht Ferienreisen

Urlaub und Freizeit 1955:

Die Reiselust der Deutschen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Der wachsende Wohlstand in der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht es immer mehr Bundesbürgern, in ihrem Urlaub zu verreisen, wenn auch noch nicht weit. Auch wenn bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 45,7 Stunden (Industriearbeiter) und einem bezahlten Jahresurlaub von zwölf bis 21 Tagen (ohne gesetzliche Feiertage) nicht viel Zeit für die Ferien bleibt, unternimmt 1955 immerhin etwa jeder fünfte eine Urlaubsreise.

Kostspielige Fahrten sind jedoch eher die Ausnahme. Die meisten verbringen die »schönsten Wochen des Jahres« im Inland. Die beliebtesten Ziele sind die deutschen Nordseeinseln, die Mittelgebirge und die Alpen. Die meisten Reisen (rund 50%) werden mit der Bahn angetreten, während erst 25% das Auto nutzen. Mit dem Bus fahren rund 12%, mit dem Motorrad 7% der Bundesbürger in den Urlaub. Etwa 2% entscheiden sich für das Fahrrad als Fortbewegungsmittel.

Auch wenn das Auto noch nicht die führende Rolle im Reiseverkehr spielt, ist das bestehende Straßennetz in der Bundesrepublik Deutschland bereits völlig überlastet. Die Polizei berichtet während der Pfingstfeiertage und in den Sommerwochen immer wieder von kilometerlangen Staus. Vor allem die Passstraßen in den Alpen sind oft hoffnungslos verstopft. Um diesen Missstand zu beseitigen und den Anforderungen des gestiegenen Kraftverkehrs Rechnung zu tragen, wird in der Bundesrepublik Deutschland 1955 ein großangelegtes Straßenbauprogramm verabschiedet.

Eine Auslandsreise ist der Traum der deutschen Urlauber. Weit oben auf dem Wunschzettel steht eine Reise in den sonnigen Süden. Auf die von einem Meinungsforschungsinstitut gestellte Frage nach dem bevorzugten Reiseziel antworteten mehr als 30% der Befragten, sie würden am liebsten nach Italien fahren. Allerdings übersteigen Auslandsaufenthalte noch die finanziellen Möglichkeiten vieler Bundesbürger, auch wenn 1955 mehr Deutsche als jemals zuvor die Grenzen passieren. Eine preiswerte Möglichkeit, fremde Länder kennenzulernen, ist das Camping. Vor allem Jugendliche unternehmen mit dem Motorroller oder Fahrrad eine Zelttour in das Ausland.

Einige wenige, eher gutbetuchte Zeitgenossen leisten sich jedoch bereits eine der 1955 erstmals angebotenen Pauschalreisen mit dem Flugzeug und verbringen ihre Ferien auf den unter Kennern als »Geheimtipp« gehandelten spanischen Inseln Mallorca oder Teneriffa.

Die gesetzlichen Voraussetzungen für mehr Reisen ins Ausland werden 1955 geschaffen. Infolge des wachsenden Exportüberschusses und der positiven Handelsbilanz erhöht die Bundesregierung den allgemeinen Umtauschsatz in beliebige Währungen von bisher 300 DM auf nunmehr 1500 DM. Auf Antrag darf auch ein größerer DM-Betrag in Devisen getauscht werden. Im Ausland werden Deutsche auch zunehmend wieder gern gesehen: Die Zahl der europäischen Staaten, die den Visumzwang für Deutsche aufgehoben haben, ist auf 15 gestiegen. Allerdings betrachten viele Ausländer die deutsche Reiselust – zehn Jahre nach Ende des vom Deutschen Reich angezettelten Zweiten Weltkrieges – noch mit Misstrauen: Wiederholt berichten Skandinavien- und Frankreich-Reisende von Übergriffen auf deutsche Touristen und von Pöbeleien.

Das Fremdenverkehrsgewerbe in der Bundesrepublik Deutschland verzeichnet 1955 ein starkes Anwachsen der ausländischen Touristen. Vor allem die in der Bundesrepublik stationierten Soldaten der alliierten Siegermächte nutzen – sehr zur Freude der deutschen Hoteliers und Restaurantbesitzer – ihre freien Tage, um Land und Leute kennenzulernen. Besonders für US-Amerikaner ist der Wechselkurs günstig: Für einen US-Dollar erhalten sie rund 4,20 DM. Die beliebtesten Reiseziele der Touristen aus dem Ausland sind der Rhein und Neckar, die Mittelgebirge sowie die vom Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschont gebliebenen Städte wie z. B. Rothenburg ob der Tauber und Heidelberg.