Funktionalität hat den Vorrang

Wohnen und Design 1955:

In der Bundesrepublik Deutschland prägen die zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer beengten Wohnverhältnisse weitgehend die Erzeugnisse der Möbelindustrie.

In der Küche wird vor allem Wert auf eine maximale Raumausnutzung gelegt. Einbauküchen sind so funktional angeordnet, dass sie – laut Werbung eines Herstellers – in einen Raum mit nur sechs m2 Bodenfläche passen.

Um auch in der übrigen Wohnung eine optimale Raumnutzung zu erreichen, werden platzsparende Klapp- und Schrankbetten angeboten. Raffiniert konstruierte Schrankwände haben einen Lüftungsschacht, so dass auch Bettzeug verstaut werden kann. Erstmals angebotene Schlafsofas können nachts als Bett genutzt werden und dienen tagsüber als Couch. Dabei ist Funktionalität wichtiger als eine ausgefeilte Formgebung. Zwar gefällt der Kundschaft durchaus auch leicht bizarres und kapriziöses Mobiliar, es muss jedoch auch nützlich und möglichst vielfach verwendbar sein. So wird ein Spiegel im dekorativen, asymmetrischen Metallrahmen mit Lampen, Regalen oder Blumenbehältern kombiniert und möglichst so angebracht, dass er zur optischen »Vergrößerung« des Zimmers dient.

Die Farbgebung erhält im neuen Wohnstil eine gleichberechtigte Funktion; sie wird selbst Gestaltungselement. Sesselbezüge sind gelb, rosa oder blau. Vorhänge und Kissen tragen meist abstrakte Muster. Besonders beliebt sind kleine und praktische Beistelltische wie der klappbare »Dinett«, der 1955 auf den Markt kommt. Aber auch größere Möbelstücke sollen »leicht« wirken. Schräggestellte Sessel-, Schrank- oder Sofabeine verstärken diesen Eindruck. Metall-Leuchten mit biegsamen Aluminium-Kelchen und tütenförmige Lampen mit einem Fliegenpilz-Muster ergänzen die Einrichtung und stehen in einem wirkungsvollen Kontrast zu den vielfarbig tapezierten Wänden und Decken.