Pariser Chic weiter gefragt

Mode 1955:

Der Trend in der Mode folgt in diesem Jahr eindeutig dem Diktat eines Mannes – des französischen Modeschöpfers Christian Dior. In der Massenkonfektion tritt die Verwendung von Kunstfasern immer mehr in den Vordergrund.

Diors H-Linie, mit der sich die Frauen eben erst anzufreunden versuchen, wird von dem Pariser Couturier im Frühjahr 1955 durch die nicht weniger sensationelle A-Linie hinweggefegt. Der Silhouette des »A« folgend, propagiert die A-Linie schmale Schultern, einen kleinen Reverskragen oder ein breites, eckiges Dekolleté, des Weiteren eine tiefsitzende Taille, die durch einen breiten Stoffgürtel betont wird und einen ab den Hüften stark ausgestellten Rock. Dazu passen dreiviertellange Jacken oder Paletots, deren Saum den Querbalken des »A« bilden.

Die A-Linie setzt sich weit erfolgreicher bei den Kunden durch als die figurunbetontere H-Linie. Keine Frage aber, dass die Damen dennoch gern an dem Kostüm oder Jackenkleid, dem Deux Piece, festhalten, dessen starke Taillierung und abgesteifte Schöße mit dem so typischen Hüftknick die Figur gut zur Geltung bringt. Diese Kostüme gehören zu jeder modebewussten Frau, genauso wie Hut, Handschuhe, Handtasche und Stockschirm. Im Herbst stellt Dior zum Erstaunen der Modewelt die A-Linie auf den Kopf und kreiert die Y-Linie. Hier dominieren ein breiter Kragen oder eine schulterbetonende Stoffdraperie, V-förmige Taillennaht und schmaler Rock. Der Pariser Modeschöpfer Cristobal Balenciaga steigert das Ganze schließlich zur schmalen I-Linie mit engen Tuniken oder Kasacks. Bei den mutigen Trägerinnen dieser Kreationen kann nun nicht mehr von »gehen«, sondern nur mehr von »trippeln« die Rede sein.

Die Frauenmode bietet in diesem Jahr die Möglichkeit, zwischen mehreren Modestilen zu wählen. Für die Trägerinnen von Diors Kreationen stellen »A« und »Y« die Alternative zwischen schmalem oder breitem Rock, schmaler oder breiter Schulter dar.

Die jüngeren Damen bevorzugen Teller-, Sonnenplissee- und Kellerfaltenröcke, die reifere Dame bleistiftschmale Röcke mit Gehschlitz – dem berühmten »Dior-Schlitz«. Die Länge ist zz. kein großes Thema mehr, da sich die Modemacher auf etwa Wadenmitte bei Rock und Kleid geeinigt haben.

Der gewünschten adretten Fraulichkeit entspricht die Popelin- oder Spitzenbluse mit angeschnittenen kurzen Ärmeln, die Streifenbluse mit dreiviertellangen Ärmeln oder die pflegeleichte »drip-and-dry« Perlonbluse.

Für den Stil des Abendkleides spielen prominente Modevorbilder eine große Rolle: Bei engen Korsagenkleidern aus Duchesse oder Brokat lässt man sich von Sophia Loren und Gina Lollobrigida inspirieren; bei Hochgeschlossenem mit Kragen und weitem Rock aus Tüll oder Perlon stehen Grace Kelly und Audrey Hepburn Pate. In der Freizeitkleidung schwankt die Jugend zwischen kaum wadenlangen Fischerhosen oder Röhrenjeans. Um die sowieso körperbetonten Jeans wie eine zweite Haut zu tragen, greift man in Europa auf eine praktische Erfindung aus den USA zurück. Dort lassen die Teenager die Hosen in der heißen Badewanne auf Figur schrumpfen und kreieren damit ihre eigene Moderevolution, die im alten Kontinent begeistert übernommen wird. Zum Tanzabend erscheinen viele Mädchen in bunten, lieblich beschwingten Petticoatröcken. Mangelnde Enge der Hosen sowie Weite und Stand der Petticoats führen zu manchen Backfischtränen und Mutter-Tochter-Querelen.

Auf der zwanglosen Teenager-Party werden zu Hosen weite Pullover oder neuerdings eine Kulijacke nach fernöstlichem Vorbild getragen. Pferdeschwanz und Ballerinaslippers gehören allemal dazu. Bei den Stoffen ist der Chemiefaser weiterhin ein großes Experimentierfeld gewidmet. Die Frankfurter Firma Hoechst erwirbt von der britischen ICI (Imperial Chemical Industries) die Lizenz für eine Polyesterfaser mit ungewöhnlichen und für die Zukunft vielversprechenden Eigenschaften: Trevira.

Der elegante Herr erscheint erstmals im Cordsamt-Anzug, der neuerdings auch für das Büro propagiert wird, um jugendliche Dynamik zu demonstrieren.

Neu sind auch Perlon-Stretch-Strümpfe, die die verschiedenen Strumpfgrößen überflüssig machen und in einer Einheitsgröße zu haben sind.

Großes Aufsehen und manches Ärgernis erregen die erstmals auch in Europa auftretenden Halbstarken mit ihrer schwarzen, nietenverstärkten Lederkleidung. Ihr Vorbild und leidenschaftlich verehrtes Idol ist der US-amerikanische Schauspieler James Dean, der am 30. September tödlich verunglückt und zum Mythos einer ganzen Generation wird.