Vollbeschäftigung, höhere Löhne und größere Sicherheit

Arbeit und Soziales 1955:

Der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik Deutschland hält weiter an. Die Produktionszahlen der Industrie – in der rund 45 % der deutschen Erwerbstätigen beschäftigt sind – steigen ebenso wie die Umsätze des Handwerks, der Landwirtschaft und des Dienstleistungsgewerbes.

Dabei profitieren immer breitere Kreise der Bevölkerung vom »Wirtschaftswunder«. Die Arbeitsplätze sind sicher. Rund 500 000 Arbeitslosen stehen fast 240 000 offene Stellen gegenüber. Damit herrscht nahezu Vollbeschäftigung, da die Quote von 2,7% u. a. aufgrund unvermeidlicher saisonaler Arbeitslosigkeit (z. B. im Baugewerbe) kaum noch unterschritten werden kann. Das weitere Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik Deutschland ist sogar von einem Arbeitskräftemangel bedroht. Neben qualifizierten Fachkräften fehlen auch ungelernte Arbeiter. Um dieser Gefahr zu begegnen, schließt die Bundesregierung am 20. Dezember 1955 mit der italienischen Regierung ein Abkommen, das die Beschäftigung von rund 80 000 italienischen Arbeitskräften in der Bundesrepublik Deutschland vorsieht.

Darüber hinaus soll vor allem eine rationelle Produktionsweise das Wachstum sichern. Die deutsche Industrie investiert daher Milliardenbeträge in die Modernisierung der Produktionsanlagen.

Die Notwendigkeit zu einer fortschreitenden Automation wird auch von den Gewerkschaften anerkannt. Die Arbeitnehmervertretungen, die in den vergangenen Jahren mit ihren maßvollen Forderungen wesentlichen Anteil am deutschen »Wirtschaftswunder« hatten, fordern 1955 jedoch erstmals eine Verkürzung der Arbeitszeit, die 1955 durchschnittlich 48 Stunden in der Woche beträgt. Das erklärte Ziel der Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen ist nun die Einführung der 40-Stunden-Woche, die noch in diesem Jahrzehnt realisiert werden soll.

Der wachsende Wohlstand macht sich auch in der Lohntüte bemerkbar. Mit rund 64% des Lohnanteils am Volkseinkommen steht die Bundesrepublik Deutschland hinter den USA (68%) und Großbritannien (64,2%) weltweit bereits an dritter Stelle. Dabei ist in den letzten Jahren auch die soziale Sicherheit stetig gewachsen. So sieht der Haushalt der Bundesrepublik Deutschland für 1955 Sozialausgaben in Höhe von rund 21 Mrd. vor. Noch vor fünf Jahren betrugen die Aufwendungen rund 14 Mrd. DM. Das hohe Maß an sozialer Absicherung macht auch der Vergleich zum Vorkriegsjahr 1938 deutlich, als im Deutschen Reich weniger als 8 Mrd. RM für soziale Zwecke im Staatshaushalt vorgesehen waren.