Holz, Kunststoff und Janus

Auto und Verkehr 1956:

Die Massenmotorisierung hält Einzug: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der zugelassenen Kfz in der Bundesrepublik Deutschland von rund 2,5 Mio. auf mehr als 5,6 Mio. erhöht. Besonders stürmisch verläuft die Entwicklung bei den Pkw-Zulassungen. 1956 wird die Zwei-Mio.-Grenze überschritten (1951: 680 000 ).

Weil sie wesentlich billiger sind als ein Auto, können Motorräder, Mopeds und Motorroller ihren Spitzenplatz im motorisierten Individualverkehr halten. 2,4 Mio. Stück fahren auf bundesdeutschen Straßen. Der Trend zum Auto wird 1956 jedoch sehr deutlich. Während lediglich rund 15 000 Motorräder und Mopeds neu zugelassen werden, entscheiden sich rund 335 000 Käufer für einen Pkw.

Das meistverkaufte Auto ist – wie bereits in den vorangegangenen Jahren – der VW-Käfer. Der mit einem robusten 30-PS-Motor ausgestattete VW 1200 kostet 3950 DM. Für Käufer, die eine schnittigere Form bevorzugen, bietet das Volkswagenwerk mit dem Ghia ein Coupé an, das bei Karmann in Osnabrück gefertigt wird. Der 118 km/h schnelle Wagen auf Käfer-Basis ist für 7500 DM erhältlich.

Der Wettbewerb auf dem Kleinwagenmarkt ist härter geworden. Eine Vielzahl von deutschen und ausländischen Herstellern bemüht sich um die Gunst der Käufer. Besonders erfolgreich ist der bei Borgward gebaute Lloyd 300. Von dem 3334 DM teuren Wagen – wegen seiner Sperrholzkarosserie mit Kunstlederbezug »Leukoplastbomber« genannt – wurden bereits mehr als 120 000 Exemplare verkauft. Der Zweitakter belegt 1956 in der Zulassungsstatistik hinter VW und Opel den dritten Platz. Ein Verkaufsschlager ist auch das 1955 von den Dingolfinger Glas-Werken vorgestellte Goggomobil. Das nur 2,9 m lange Miniaturauto leistet – je nach Motorversion – zwischen 13,6 und 14,8 PS. Damit erreicht das rund 2940 DM teure Goggomobil Spitzengeschwindigkeiten zwischen 72 und 85 km/h.

Unter gefährlichen Konstruktionsmängeln haben die Fahrer des 1956 vorgestellten Victoria Spatz zu leiden. Der dreisitzige, 10 PS starke Kleinwagen hat eine Kunststoffkarosserie, die sich leicht mit Benzindämpfen vollsaugt. Nicht wenige Besitzer müssen nach einer längeren Fahrt entsetzt feststellen, das sich ihr Auto am heißen Auspuffrohr entzündet.

Ein völlig neues Konzept haben die Ingenieure von Zündapp in ihrem neuen Modell Dornier Delta (Janus) verwirklicht. Sie platzierten um einen 248-ccm-Zweitakt-Motor zwei Sitzbänke, eine in und eine gegen die Fahrtrichtung. Für einen bequemen Einstieg sorgen zwei Türen, die vorn und hinten angebracht sind. Ein Kofferraum ist nicht vorhanden. Die Besitzer des ungewöhnlichen Wagens loben zwar die gutmütigen Fahreigenschaften des Janus, berichten aber von Übelkeit, die Fahrgäste im Fond befällt.

Einer der beliebtesten Mittelklassewagen auf dem deutschen Markt ist der Ford Taunus 15 M. Die 6375 DM teure Limousine mit 55 PS bietet vier Personen Platz und ist serienmäßig mit Weißwandreifen ausgestattet.

Der härteste Konkurrent von Ford in der Mittelklasse ist Opel. Das Modell Olympia Rekord ist etwas preiswerter als der Taunus, erreicht aber mit seinem 45-PS-Motor und einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h nicht ganz dessen Fahrleistungen.

Porsche hat mehrere Versionen des Erfolgsmodells 356 im Angebot. Der 356 A Carrera leistet 100 PS und ist 200 km/h schnell. Als Cabriolet (Speedster) kostet er rund 18 000 DM. Die französische Firma Citroën verändert 1956 ihre Modellpalette. Bislang bot Citroën neben dem 2 CV (»Ente«) nur den seit 1935 nahezu unveränderten 11 CV an. Die Produktion des von den Franzosen als Gangster-Limousine bezeichneten 11 CV wird eingestellt. Nachfolger des legendären Autos ist der DS 19, der wegen seiner futuristisch anmutenden Karosserie (Design: Flaminio Bertoni) und seiner technischen Neuerungen viel Beachtung findet. Der windschnittige Fronttriebler (cw-Wert: 0,38) besitzt eine hydropneumatische Federung, mit der sich die Bodenfreiheit variieren lässt.