Wohlstand im Westen, Mangel im Osten – Massenexodus aus der DDR

Politik und Gesellschaft 1956:

Doch wie tief berührten diese Konflikte die Westdeutschen tatsächlich? Es ließ sich leben in der Bundesrepublik – immer besser für einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Im Zeichen des »Wirtschaftswunders« florierten Handel und Industrie, es herrschte Vollbeschäftigung. In einigen Bereichen, etwa im Bergbau, bestand bereits Mangel an Arbeitskräften, der durch sog. Gastarbeiter aus Italien ausgeglichen werden musste. Die Entbehrungen der Nachkriegszeit gehörten endgültig der Vergangenheit an. Die Lebensumstände in der DDR waren dagegen weiterhin von Mangel und Versorgungsengpässen gekennzeichnet. Die anhaltende wirtschaftliche Misere und die politische Unterdrückung bewog 1956 fast 280 000 Menschen, dem SED-Staat den Rücken zu kehren.

In der Bundesrepublik ermöglichten steigende Einkommen den Kauf hochwertiger Konsumgüter – sogar das eigene Auto blieb für viele kein bloßer Wunschtraum mehr. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard – neben Konrad Adenauer populärster deutscher Politiker – drückte die Stimmung in der Bevölkerung treffend aus: »Wir sind wieder wer!« Da nimmt es nicht wunder, dass die Schatten der Vergangenheit von den meisten Deutschen kaum wahrgenommen, wenn nicht überhaupt verdrängt wurden. Bezeichnend ist die Auseinandersetzung um Staatssekretär Hans Globke, einen engen Vertrauten des Kanzlers. Während ein eher linksorientierter Teil der Öffentlichkeit es für skandalös ansah, dass ein Kommentator der Nürnberger Rassengesetze zum Leiter des Bundeskanzleramtes aufsteigen konnte, nahmen Adenauer und die CDU Globke in Schutz.