Zu viel Fett, Bier und Zigaretten

Ernährung, Essen und Trinken 1956:

Die Zeit der Entbehrungen – die Nachkriegszeit – ist vorbei. Der im »Wirtschaftswunder« gewachsene Wohlstand zeigt sich deutlich in den Ernährungsgewohnheiten der Bundesbürger. Während noch vor acht Jahren Fleisch kaum oder nur in minderer Qualität erhältlich war, ist der Pro-Kopf-Verbrauch seit 1950 von rund 32 kg auf nunmehr 46,6 kg gestiegen. Der Anteil der Südfrüchte an dem in der Bundesrepublik verzehrten Obst beträgt rund 35% (1950: 16%). »Sattmacher« wie z. B. Kartoffeln – in den Nachkriegsjahren eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Deutschen – sind dagegen nicht mehr so gefragt: 1956 isst der Bundesbürger im Schnitt nur noch 150 kg Kartoffeln (1950: 186 kg).

Der Hang zu opulenten Mahlzeiten veranlasst Zeitungen bereits, spöttisch von einer »Fresswelle« zu sprechen, durch die der Mangel der Nachkriegszeit kompensiert werden soll. Dabei scheint nur das Beste gut genug: Nicht selten stehen bei besonderen Anlässen Delikatessen wie Schildkrötensuppe, Krabbencocktail oder Räucherlachs auf dem Speisezettel. Die Essgewohnheiten der Deutschen bewegen sich im Allgemeinen allerdings in einem eher herkömmlichen Rahmen. An »exotischen Gerichten« wie z. B. der italienischen Pizza haben erst wenige Westdeutsche Geschmack gefunden.

Mediziner betrachten die Entwicklung mit Besorgnis. Während der Deutsche 1948 täglich nur rund 900 Kalorien zu sich nahm, sind es 1956 rund 2900. Ernährungswissenschaftler halten jedoch 2400 Kalorien als Tagesbedarf eines arbeitenden Menschen für ausreichend und warnen vor den Folgen dieser Überernährung. Sorge bereitet den Ärzten auch der enorme Verbrauch an Genussmitteln. In der Bundesrepublik werden 1956 etwa 12 Mrd. DM für Tabak und Alkohol ausgegeben. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Zigaretten beträgt bereits fast 1000 Stück, der Bierkonsum ist auf rund 70 l gestiegen. Der Verbrauch an Kaffee hat sich gegenüber 1950 mehr als verdreifacht.