Mangel an Raum und Lehrern

Bildung 1957:

Acht Jahre nach Gründung der Bundesrepublik sind die schulpolitischen Ziele noch weitgehend auf eine äußere organisatorische Reform der Schule ausgerichtet. Der vorhandene Raum reicht häufig nicht aus, so dass die Kinder teils in Schichten vor- und nachmittags unterrichtet werden, teils Behelfsräume oder ursprünglich für Spezialunterricht gedachte Räume als Klassenzimmer genutzt werden müssen.

Insgesamt gibt es 1957 im Bundesgebiet ausschließlich Saarland und Berlin (West) 33 664 Schulen, an denen rund sechs Millionen Schüler unterrichtet werden. In einer Klasse sitzen durchschnittlich 35 Jungen und Mädchen. Gravierend ist auch das Problem des Lehrermangels. 1957 kommt auf 32 Schüler durchschnittlich eine Lehrkraft, wobei Experten eine weitere Verschlechterung dieser Relation vorhersagen. Nach Ansicht der Lehrer ist der Mangel an Nachwuchs vor allem auf die fehlende Attraktivität des Berufs zurückzuführen. Sie verlangen deshalb bessere Bezahlung und andere Aufwertungen in ihrem sozialen Status.

Angesichts der organisatorischen Schwierigkeiten sind Ansätze einer innerschulischen Reform, wie sie sich Ende der 40er Jahre entwickelt hatten, in den Anfängen steckengeblieben. Das dreigliedrige Schulsystem – vierjährige Volksschule, anschließende Differenzierung in vierjährige Volksschuloberstufe, sechsjährige Mittelschule und neunjährige Oberschule – ist nach wie vor die Norm. Lediglich in einigen Bundesländern gibt es die Möglichkeit, fakultativ ein neuntes Volksschuljahr abzuleisten.

An 13 Schulen in Niedersachsen ist der schulpolitische Versuch eines »differenzierten Mittelbaus« angelaufen, bei dem in den Klassen fünf bis acht alle Kinder weiterhin teils gemeinsam, teils in Sonderkursen entsprechend den weiterführenden Schulformen unterrichtet werden. Dieses sozial integrative Modell wird zwar von Schülern, Eltern und Lehrern der betreffenden Schulen positiv bewertet, findet aber in den anderen Bundesländern vorerst keine Nachahmer.

Der Reformfreude gerade in der Volksschule sind auch dadurch Grenzen gesetzt, dass in diesem Bereich die Zwergschule die am häufigsten anzutreffende Schulform ist (siehe Tabelle). Hier ist seit Beginn der 50er Jahre, als es rund 5900 einklassige Volksschulen gab, jedoch eine wesentliche Verbesserung eingetreten.

Aber auch unter günstigeren Schulbedingungen beherrscht die konservative Pädagogik das Feld. Selbst im schulpolitisch vergleichsweise reformerischen Niedersachsen wird etwa die Prügelstrafe vom Kultusminister als Mittel der Disziplinierung gebilligt.

Den Studenten, zumal denen, die bislang ohne finanzielle Hilfe der Eltern über die Runden kommen mussten, beschert das Jahr 1957 eine positive Neuerung: Am 1. Juli tritt die Studentenförderung nach dem sog. Honnefer Modell in Kraft. Es sieht Stipendien für solche Studenten vor, die das notwendige Geld für ein geordnetes Studium nicht aufbringen können. Zugleich werden jedoch auch Leistungsnachweise verlangt, die eine Förderungswürdigkeit des Studenten unter Beweis stellen sollen.

Als Bemessungsgrundlage für die Bedürftigkeit dient das Einkommen der Eltern und die danach festgelegten Möglichkeiten zur finanziellen Unterstützung des studierenden Kindes. Über diesen elterlichen Beitrag hinaus kann das Stipendium aus öffentlichen Mitteln bis zu einem bestimmten Höchstsatz aufgestockt werden. Dieser liegt für Studenten vom vierten Semester an bei 200 DM monatlich und wird das ganze Jahr über gezahlt; jüngere Semester erhalten lediglich während der Vorlesungszeit eine Zuwendung in Höhe von 150 DM pro Monat. Im Wintersemester 1957/58 studieren an den bundesdeutschen Hochschulen (ohne Pädagogische Hochschulen) einschließlich Saarland und Berlin (West) 147 253 Studenten, darunter 28 913 Frauen. 16 764 Studenten sind im ersten Semester.