Straßenausbau hat Vorrang

Verkehr 1957:

Wenngleich dem Schienenverkehr 1957 immer noch eine bedeutende Rolle beim Personen- und Gütertransport zukommt, wird doch ein Trend hin zum vermehrten Einsatz von Straßenfahrzeugen deutlich, der auch von Seiten der Politiker kräftige Unterstützung erhält.

Am öffentlichen Personenverkehr haben Schienenfahrzeuge (Eisen- und Straßenbahn) einen Anteil von 68,8%, drei Jahre zuvor waren es noch 75,1%. Im Güterverkehr ist der Anteil der Eisenbahn 1957 auf 54,4% gegenüber 56,2% im Jahr 1955 und 55,2% in 1956 weiter abgesunken.

Daneben zeichnet sich 1957 eine steigende Tendenz zum Individualverkehr ab: Der öffentliche Personenverkehr kann gegenüber dem Vorjahr lediglich eine Steigerungsrate um 0,3% auf 7,036 Milliarden beförderte Personen verzeichnen, während sich in den Vorjahren jeweils Steigerungen um 8 und 7% ergeben haben.

Als privates Verkehrsmittel dient immer häufiger das eigene Auto: Während die Zahl der Mopeds und Motorräder seit Beginn der 50er Jahre annähernd gleich geblieben ist, hat sich die Zahl der Pkws seit 1953 mehr als verdoppelt. Das enorme Anwachsen des Individualverkehrs mit eigenem Pkw führt nicht nur zu erheblichen Parkplatzproblemen in den Innenstädten, sondern macht auch den Ausbau des Straßennetzes erforderlich. Hierfür verabschiedet der Bundestag am 6. Juli ein Bundesfernstraßengesetz, das u. a. den Neubau von Autobahnstrecken mit einer Länge von 1990 km sowie den Aus- und Neubau von 10 648 ,5 km Bundesstraßen vorsieht. Zusätzlich sollen im Interesse des Fremdenverkehrs Bundesstraßen mit einer Länge von 1296 km zur Erschließung landschaftlich reizvoller Gebiete neu bzw. ausgebaut werden.

Insgesamt gibt es Ende 1957 in der Bundesrepublik ein Straßennetz mit einer Gesamtlänge von 132 028 km (klassifizierte Straßen); davon sind 2260 km Autobahnen.

Weitere Folge des Autobooms ist ein stetiges Ansteigen der Verkehrsunfälle und der dabei verletzten und getöteten Personen. Durch die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h innerhalb geschlossener Ortschaften zum 1. September sinken diese Zahlen zunächst drastisch: Im September 1957 ereignen sich 11,6% weniger Unfälle als im gleichen Monat des Vorjahres, es gibt 25% weniger Verkehrstote und 27,6% weniger Schwerverletzte. Jedoch steigen bis zum Jahresende die Unfallzahlen wieder nahezu auf den Stand von 1956, allerdings bei deutlich weniger Personenschäden.