Höherer Lebensstandard lässt »Wohlstandsbauch« wachsen

Ernährung, Essen und Trinken 1958:

Nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre legen viele Bundesbürger in den Wirtschaftswunderzeiten der 50er Jahre wieder Wert darauf, sich beim Essen »etwas leisten« zu können. »Sattmacher« wie Kartoffeln und Getreideprodukte nehmen daher einen immer geringeren Stellenwert auf dem Speisezettel ein; stattdessen wachsen die Fleischportionen ebenso wie der Konsum von Fett und Eiern.

Zubereitet werden die Mahlzeiten vorzugsweise in üppigen Portionen nach »deutscher Hausfrauenart«. Einflüsse aus anderen Ländern sind dagegen noch kaum zu spüren. Einzig beim Obst haben sich durch Importe die Verzehrgewohnheiten verändert. Während Südfrüchte Anfang des Jahrzehnts nur etwa 16% des verbrauchten Obstes ausmachten, sind es nun fast 40%.

Der gesteigerte Lebensstandard macht sich außerdem bei den Genussmitteln bemerkbar. So raucht 1958 im Durchschnitt jeder Bundesbürger 1135 Zigaretten, 1955 waren es noch 871. Auch der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier ist innerhalb von drei Jahren um 20 l auf 85,24 l angestiegen; der Kaffeekonsum liegt mit 2,39 kg je Bundesbürger fast viermal so hoch wie 1950.

Trotz der gehaltvolleren Ernährungsweise sind die Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel dank verhältnismäßig langsam steigender Agrarpreise und kräftiger Einkommenszuwächse zurückgegangen. Gab 1950 ein Vier-Personen-Arbeitnehmerhaushalt noch durchschnittlich 52,2% des vorhandenen Budgets für Lebensmittel aus, sind es 1958 nur noch 46,1%.

Gegen die weit verbreitete Ansicht, dass dicke Menschen nicht nur Selbstsicherheit und Wohlstand ausstrahlen, sondern auch ausgewogen ernährt und gesund sind, setzt sich gegen Ende der 50er Jahre allmählich die Erkenntnis durch, dass die fett- und eiweißreiche Kost auch Erkrankungen zur Folge haben kann. Gewarnt wird vor den »Wohlstandskrankheiten« – ernährungsbedingten Herz- und Kreislauf-Erkrankungen -, die nicht selten zum Tod führen.

Den Frauen macht dagegen das dank üppiger Lebensweise immer größer werdende Missverhältnis zwischen dem von Filmschauspielerinnen repräsentierten Schönheitsideal und dem eigenen Aussehen zu schaffen. Um hier Abhilfe zu schaffen bietet die pharmazeutische Industrie vielfältige Schlankheitsrezepte an, die aber nur selten auf eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten abzielen, sondern vielmehr mit Medikamenten den Appetit zügeln sollen.

Aufgeschreckt wird die bundesdeutsche Öffentlichkeit 1958 außerdem durch einen Lebensmittelskandal: Durch den Zusatz des hochgiftigen Natriumnitrit haben Metzger versucht, Fleisch- und Wurstwaren längere Zeit ein frisches Aussehen zu verleihen. Das vom Bundestag am 6. November verabschiedete neue Lebensmittelgesetz soll der großzügigen Anwendung von Zusatzstoffen in der Nahrung nun jedoch einen Riegel vorschieben.