Renaissance des Chippendale

Wohnen und Design 1958:

»Der Nierentisch ist tot« – überschreibt die »Süddeutsche Zeitung« in ihrer Ausgabe vom 12. Februar einen Bericht über die Kölner Möbelmesse. Nach dem Drang zu modernen Möbeln – Nierentisch, Schalensessel, Tütenlampen – zu Beginn der 50er Jahre hält in der Bundesrepublik Deutschland nun wieder ein rückwärtsgewandter Einrichtungsgeschmack Einzug.

Besonders groß ist die Nachfrage nach nachgemachten, teils am Fließband hergestellten Stilmöbeln, die sich häufig am Chippendalestil des 18. Jahrhunderts orientieren. Typisch für bundesdeutsche Wohnzimmer ist auch das »Gelsenkirchener Barock«, wuchtige Möbelstücke mit zahlreichen, barock anmutenden Verzierungen.

Im modernen Möbeldesign dagegen vollzieht sich eine Wende zu einfacheren klareren Formen ohne Kurven und verspielte Details. Besonderen Anklang finden die Entwürfe skandinavischer Möbelhersteller. Sie arbeiten zumeist mit hellem Holz und bevorzugen gradlinige praktische Formen.

Nach wie vor groß ist das Interesse an vielseitig verwendbaren Möbelstücken, etwa einem Fernsehsessel mit angebautem Tischchen.

Das Augenmerk der Innenarchitekten richtet sich zunehmend auch auf Phono- und Fernsehgeräte, die in vielen Wohnungen zum festen Bestandteil der Einrichtung geworden sind und dieser stilistisch angepasst werden sollen. Auffälligste Marktneuheit auf diesem Gebiet ist 1958 der sog. Schneewittchensarg, eine Radio-Plattenspielerkombination der Firma Braun, die von Hans Gugelot entworfen wurde.

Auch wenn die übrige Wohnung häufig mit Stilmöbeln eingerichtet ist, bleibt in der Küche der Trend zum Modernen ungebrochen. Der begehrten, aber teuren Schwedenküche macht eine kunststoffüberzogene Variante Konkurrenz, die ebenfalls dem Anspruch der Funktionalität und Modernität genügt. Elektrische Haushaltsgeräte gehören zwar noch nicht zur Standardausrüstung, werden aber immer weiter verbreitet. So verfügt etwa jeder dritte Haushalt in der Bundesrepublik über einen Elektroherd und einen Kühlschrank, in jedem vierten Haushalt sind Mixer und andere elektrische Küchenmaschinen zu finden. Einen Staubsauber haben fast zwei Drittel aller Haushalte, während eine Waschmaschine nur in etwa jeder fünften Familie zur Einrichtung gehört.

Auch bei der Ausstattung der Mietwohnungen gibt es noch einige Defizite. So verfügen nur rund 45% der vermieteten Wohnungen über Bad oder Dusche; in etwa 21% der Wohnungen müssen mehrere Parteien eine gemeinsame Toilette benutzen. Fast 90% der Wohnungen haben nur Zimmeröfen.