Technische Probleme behindern umfassende Schulreform

Bildung 1958:

Vor allem im Bereich der schulischen Bildung gibt es Ende der 50er Jahre in der Bundesrepublik noch deutliche Mängel. Zum einen fehlen Schulgebäude und Klassenräume, so dass die Kinder teilweise in Vormittags- und Nachmittagsschichten unterrichtet werden, oder die Schulstunden in völlig unzureichenden Räumen stattfinden. Andererseits herrscht Lehrermangel, der dazu führt, dass durchschnittlich 34 Schüler in einer Klasse sitzen. Die Statistik wird noch dadurch aufgebessert, dass auch Privatschulen mit 29 Schülern pro Klasse eingerechnet sind. Besonders gravierend ist die Situation in Bremen und Hessen mit je 37 Schülern pro Klasse.

Obwohl sich die Situation seit Beginn der 50er Jahre bereits deutlich gebessert hat – 1950 betrug die durchschnittliche Klassenstärke 42 Kinder – fordert die Arbeitsgemeinschaft deutscher Lehrerverbände auf ihrer Tagung Anfang Juni die Festsetzung einer Höchstgrenze bei 30 Schülern pro Klasse; anderenfalls sei ein menschlicher Kontakt zwischen Lehrer und Schülern unmöglich.

Sorgen macht der Arbeitsgemeinschaft auch der fehlende Lehrernachwuchs; viele junge Menschen würden durch geringe Gehälter abgeschreckt und fürchteten überdies das Negativimage der Lehrer in der Öffentlichkeit. Das Problem wird sich voraussichtlich noch durch den großen Überhang älterer Lehrer verschärfen. So erreicht etwa ein Viertel der knapp 200 000 Lehrkräfte in der Bundesrepublik innerhalb der nächsten zehn Jahre die Pensionsgrenze. Demgegenüber legen im Sommersemester 1958 im Bundesgebiet – ohne Bayern, Saarland und Berlin (West) – nur 882 Studenten erfolgreich ihr Staatsexamen für das Lehramt ab.

Während im Schulsystem vor allem versucht wird, die technischen Probleme zu bewältigen, bleibt eine Bildungsreform aus. Der Unterricht orientiert sich nach wie vor weitgehend an den Lehrplänen von 1938, die so gut wie möglich von nationalsozialistischem Gedankengut befreit wurden. Erschwert wird die Neuorientierung auch durch die Bekenntnisschulen, die in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz die Regelform sind, jedoch auch in den meisten anderen Bundesländern als hauptsächliche Schulform bestehen. Diese Aufsplitterung, mancherorts auch noch in nach Geschlechtern getrennte Schulen, behindert eine Modernisierung und bedeutet für viele Schüler einen unverhältnismäßig langen Schulweg.

Eine gewisse Neuorientierung gibt es lediglich in Bremen und Hamburg, wo gesamtschulähnliche Schulformen angeboten werden und die Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängert wurde. Weiter ansteigend ist im Jahr 1958 die Zahl der Studenten an den 19 Universitäten, acht Technischen, 17 Philosophisch-Theologischen und sechs sonstigen wissenschaftlichen Hochschulen sowie an den 14 Hochschulen für Musik, den neun Hochschulen für bildende Künste im Bundesgebiet und Berlin (West) und an der Kölner Sporthochschule. Im Sommersemester 1958 sind insgesamt 186 210 Studenten immatrikuliert, darunter 38 744 Frauen. Einen überdurchschnittlich hohen Frauenanteil gibt es an den medizinischen und geisteswissenschaftlichen Fakultäten; verschwindend gering ist der Anteil der weiblichen Studierenden bei Theologie, Landwirtschaft und technischen Fachrichtungen.

An den Universitäten ist ein Hochschullehrer durchschnittlich für 20 Studenten zuständig; allerdings sind von den 8786 Dozenten lediglich 2009 ordentliche Professoren, dagegen gibt es 1294 außerplanmäßige Professoren und 663 bereits emeritierte Dozenten, die ihren Lehrbetrieb weiterhin fortsetzen.