Forschung konzentriert sich auf Weltraumtechnologie

Wissenschaft und Technik 1959:

Das öffentliche Interesse an naturwissenschaftlicher Forschung konzentriert sich wie in den Jahren zuvor auf die Raumfahrt. Der »Wettlauf zum Mond« macht die Weltraumtechnologie zu einem politischen und militärischen Faktor; die »Abfallprodukte« der Raketen- und Satellitenforschung finden allerdings auch im zivilen Sektor praktische Anwendung.

Die US-amerikanischen Satellitenprojekte »Explorer« und »Discoverer« sollen Fortschritte beim Ausbringen von Satelliten in den Orbit sowie deren Zurückholen ergeben. Aus den Entwicklungen bei den Raketentriebwerken versuchen Wissenschaftler auch Nutzen für die zivile Luftfahrt zu ziehen. Das US-Versuchsflugzeug »X-15«, das mit einem Raketentriebwerk ausgerüstet ist, erreicht bei seinem Erstflug am 17. September mehr als doppelte Schallgeschwindigkeit. Auf dem militärischen Sektor wird ebenfalls in den USA die sog. Gegenrakete »Zeus« entwickelt, die angreifende Gefechtsköpfe im Flug zerstören soll. Ein weiteres Produkt der US-amerikanischen Raketenforschung ist die Luft-Boden-Rakete »Bullpup«, die von Flugzeugen aus Einzelziele zerstören kann.

Mit Hochdruck wird auch an der Erforschung der Kernenergie gearbeitet. In Dounreay (Schottland) geht der erste Schnelle Brüter als Versuchsreaktor in Betrieb. Es handelt sich um einen Kernreaktor, der mehr Brennstoff selbst erzeugt als er verbraucht. Auch der Schiffbau setzt zunehmend auf Atomtechnologie. Der sowjetische Eisbrecher »Lenin« wird als erstes Nuklearschiff dieser Art in Dienst gestellt, und in den USA läuft die »Savannah«, das erste atomgetriebene Handelsschiff der Welt, vom Stapel.

Weit weniger im Licht der Öffentlichkeit stehen Entwicklungen im Bereich der Elektronik. Der US-amerikanische Physiker Jack Kilby beantragt ein Patent für den Integrierten Schaltkreis, und bei der Herstellung von Halbleitern wird die Planar-Ätz- und Diffusionstechnik eingeführt. Bedingt durch die Bedürfnisse der Raumfahrt wird auch die Weiterentwicklung von elektronischen Rechnern verstärkt vorangetrieben. Bei einigen Computern, die nunmehr mit Transistoren ausgerüstet sind, werden erstmals Rechen- und Speicherzellen (Cyrotrons) verwendet, welche die Supraleitfähigkeit ausnutzen. Fachleute sagen voraus, dass der Computer der Zukunft nicht größer als eine Thermosflasche sein werde. In der Bundesrepublik hat die Computertechnologie noch keine große Verbreitung gefunden. In Forschung, Verwaltung, Industrie und Handel arbeiten erst 94 Anlagen mit elektronischer Datenverarbeitung.