Die Schlagworte lauten »neu«, »modern« und »international«

Werbung 1960:

Als einer der Motoren des Wirtschaftswunders profitiert die Werbeindustrie in der Bundesrepublik in besonderem Maße von der stark angestiegenen Massenproduktion und den erhöhten Konsumbedürfnissen. Die Brutto-Werbeumsätze erreichen 1960 die Dreimilliardengrenze. Hinzu kommt noch einmal annähernd die gleiche Summe für Reklame in den Schaufenstern und auf den Verpackungen.

Stark im Aufwind befinden sich die Investitionen der Wirtschaft für die Fernsehwerbung. Seit 1958 (12 Mio. DM) haben sich die Aufwendungen für dieses zukunftweisende Werbemedium mehr als verzehnfacht (1960: 132,1 Mio. DM). Die Möglichkeiten der Bildschirmreklame, sie wird ausschließlich über die Regionalprogramme des Deutschen Fernsehens ausgestrahlt, sind nach Auffassung von Fachleuten längst nicht erschöpft. Die TV-Spots wirken durch ihre hausbacken-fantasielose Gestaltung zumeist noch wenig verkaufsfördernd.

Mit einem Umsatz von 1,18 Mrd. DM sind die Anzeigen in den Tageszeitungen der kostenintensivste Werbeträger. »Neu« und »modern« sind die Schlagworte, mit denen der Konsument von der Qualität weiterentwickelter Produkte überzeugt werden soll. Der verbesserte Rasierapparat »Braun SM 3« etwa soll »neue Maßstäbe für das Rasieren setzen«. Das Waschpulver »Omo« wird für »die Frau von heute« als »aktuelles Vollwaschmittel mit dem modernen Schaum« angepriesen.

Die Ford-Werke präsentieren ihren neuen Mittelklassewagen 17 M (P 3) in bisher nicht gekannter Umgebung. In 22 Filialen der Warenhauskonzerne Hertie und Kaufhof stellen sie den Pkw inmitten der Textilabteilungen zur Schau und wollen auf diese Weise neue Käuferschichten erschließen.

Werbestrategen in den USA wollen herausgefunden haben, dass sich die geruchsneutrale Luft in den großen Supermärkten negativ auf das Konsumverhalten auswirkt. Mit synthetisch hergestellten »Gerüchen der Tante-Emma-Läden«, die in die Verkaufsflächen gesprüht werden, konnte in den Selbstbedienungsketten ein Umsatzplus erreicht werden. Duftende Zeitungsanzeigen, erzielt durch Aromabeimischungen zu den Druckfarben, sind in den USA bereits ein Werbehit.

Neue Wege der Kundenwerbung werden auch in der sozialistischen Produktion der DDR beschritten. Als Comicfiguren in der SED-Presse und im Fernsehen preisen Musterkuh »Flora« und Musterschwein »Jolanthe« landwirtschaftliche Erzeugnisse an. Für Industriewaren steht ihnen ein keck gezeichnetes »Fräulein Güte« zur Seite. Ihr mit zahlreichen »Q« verzierter Röckchensaum soll signalisieren, dass sie nur für Waren der »Q«ualitäts- und Güteklasse I wirbt.