Textilfrei am Strand und in Saunabädern

Urlaub und Freizeit 1960:

Trotz einer verregneten Saison verzeichnen die Reiseveranstalter in der Bundesrepublik ein erfolgreiches Geschäftsjahr. Der in den 50er Jahren begonnene Reiseboom hält unvermindert an.

Steigender Lebensstandard, kürzere Wochenarbeitszeiten sowie ein zunehmendes Freizeitbewusstsein veranlassen die Bevölkerung zu mehr Großzügigkeit bei der Verplanung ihrer freien Zeit. Mit insgesamt über 12 Mrd. DM wird eine Rekordsumme für die Ferien aufgewendet. Die Reisebüros, von etwa 20% der Urlauber in Anspruch genommen, erzielen einen Umsatz von 2,5 Mrd. DM.

Von den rund 13 Mio. bundesdeutschen Urlaubern bleiben etwa 9 Mio. im eigenen Land. Die bevorzugten Zielgebiete liegen in Norddeutschland. Im Harz, in der Lüneburger Heide und auf den Nordseeinseln sind zur Hochsaison alle Betten belegt. In den schleswig-holsteinischen Küstenorten häufen sich die Klagen über Anhänger des textilfreien Badens. Immer mehr nackte Sonnenanbeter verlassen die ihnen zugewiesenen Reservate und rufen an den Textilstränden empörte Reaktionen hervor.

Ausgelöst durch den Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten für die Touristen entstehen in landschaftlich reizvollen Regionen künstlich angelegte Feriendörfer. Vor allem sozial schwächere Familien verbringen ihren Urlaub in diesen uniform ausgestatteten Retortenwohnungen in der Eifel oder im Teutoburger Wald.

Trotz geringer Rückgänge bleiben Österreich, die Schweiz und Italien die beliebtesten Reiseziele im Ausland. Ungewöhnlich hohe Zuwachsraten verzeichnet der Reiseverkehr nach Skandinavien. Auch die Schwarzmeer-Länder wittern die Chance des profitablen Geschäfts. So wird im rumänischen Mamaia eine ganze Touristenstadt aus dem Boden gestampft. Der sowjetische Ferienort Jalta auf der Halbinsel Krim stellt sich zunehmend um auf devisenkräftige Urlauber aus westeuropäischen Ländern, die ihrerseits von den günstigen Wechselkursen profitieren.

Die vor vier Jahren eingeführten Autoreisezüge haben sich für die Deutsche Bundesbahn zu einem Knüller entwickelt. Bis Februar 1960 transportierten sie 17 000 Pkw mit 49 000 Insassen. Zu den zehn bereits bestehenden Strecken kommen europaweit in diesem Jahr drei neue hinzu. Ein Münchner Tourist beispielsweise kann seinen Kleinwagen für 129 DM an die Ostsee verschicken. Er selbst verbringt die 1100 km lange Strecke über Nacht in einem Liegewagen des gleichen Zuges und kann am nächsten Morgen ausgeruht seinen Zielort ansteuern.