Expandierender Personalmarkt bei stabiler Wirtschaftslage

Arbeit und Soziales 1963:

Die gesamtwirtschaftliche Situation der Bundesrepublik ist u. a. gekennzeichnet von anhaltendem konjunkturellen Aufschwung und immer höherer Preisstabilität.

Ein bedeutsamer Faktor der ökonomischen Gesundung ist die grundsätzliche Bereitschaft der Sozialpartner, die Schere zwischen Lohnsteigerungen und Produktionsfortschritt weiter zu schließen. Dass dieser Konsens jedoch auch durchbrochen werden kann, zeigt der Streik der Metallarbeiter in Baden-Württemberg, einer der größten in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik. Etwa 400 000 Metaller treten im April in den Ausstand, da die Tarifverhandlungen nicht zu den von den Gewerkschaften gewünschten Ergebnissen führen. Eine Verschärfung der Auseinandersetzungen ist erreicht, als Unternehmer auf Beschluss der Arbeitgeberverbände der Metallindustrie in Südwürttemberg die Aussperrung verhängen. Durch diese festgefahrene Situation geraten auch die abhängigen Wirtschaftszweige in Bedrängnis. Die starke Position der Gewerkschaften in den tariflichen Auseinandersetzungen ist in erster Linie begründet im großen Bedarf an Arbeitskräften. Das Überangebot an Stellen hat solche Ausmaße, dass sich die bundesdeutschen Arbeitsämter z. B. an den bei der Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer entstehenden Unkosten der Unternehmen beteiligen.

Die umfangreiche Ausnutzung der Produktionskapazitäten führt auch zu einer deutlichen Zunahme der Frauenbeschäftigung. Nach Mitteilung des Deutschen Industrieinstituts liegt der Anteil der Frauen an den insgesamt rund 27 Millionen Beschäftigten in der Mitte des Jahres bei rund 36%. Seit 1953 hat die Anzahl der weiblichen Beschäftigten somit um etwa 54% zugenommen, während die Zuwachsrate bei den Männern im gleichen Zeitraum nur 33,1% beträgt.

Die positive Arbeitsmarktentwicklung für Frauen korrespondiert mit einer für sie relativ günstigen Progression des Lohnniveaus. Seit 1962 stieg der durchschnittliche Bruttoverdienst für Frauen um 2,5%, bei den Männern um 1,1%. Trotz dieser Steigerung liegt der durchschnittliche Stundenlohn in der gesamten Wirtschaft für Frauen mit 2,51 DM allerdings noch immer um 1,15 DM unter dem der Männer. Am Monatsende wirkt sich diese Differenz recht krass in der Lohntüte aus: Weibliche Angestellte z. B. erhalten im Schnitt 532 DM. Ihre männlichen Kollegen hingegen verdienen monatlich 886 DM. Probleme für den Arbeitsmarkt bringt die Teilzeitarbeit, das sind zum großen Teil Halbtagsbeschäftigungen, mit sich. Nach Schätzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) stehen rund 5% aller Arbeitnehmer in der Bundesrepublik in einem solchen Arbeitsverhältnis. Aufgrund des Arbeitskräftemangels sind alle Betriebe stark an Teilzeitkräften interessiert. Das Problem hierbei besteht darin, dass keine eindeutigen Regelungen über die Melde- und Versicherungspflicht bei Teilzeitbeschäftigungen besteht. Auch bei der Definition der Bedarfs- und Saisonbeschäftigung im Unterschied zur sogenannten »geringfügigen« Beschäftigung gibt es Differenzen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. So will der DGB auch Arbeitsverhältnisse mit 18 Wochenstunden als tarifgebunden behandelt wissen.

Erstmals auf dem Personalmarkt tritt 1963 das Phänomen des Arbeitskräfte-Verleihs in Erscheinung. Bereits seit 1957 betreibt in der Schweiz das dort ansässige Unternehmen ADIA die Vermittlung von Arbeitskräften.

1963 versucht ADIA auf dem deutschen Arbeitsmarkt, in Hamburg und Freiburg, Fuß zu fassen. Um das Arbeitsvermittlungsmonopol der bundesdeutschen Arbeitsämter zu unterlaufen, streicht ADIA das Wort »Arbeitsvermittlung« aus seinen Inseraten und Verträgen und ersetzt es durch »Aushilfsdienst«. 4 DM bis 5,50 DM durchschnittlicher Stundenlohn, mindestens jedoch 3,50 DM garantiert ADIA seinen Leiharbeitskräften. Zum Kundenkreis von ADIA gehören nicht nur privatwirtschaftliche Unternehmen, sondern vereinzelt auch amtliche Behörden. An sozialer Sicherheit mangelt es den »verliehenen« Arbeitskräften jedoch erheblich, da für sie – im arbeitsrechtlichen Sinne als selbstständig Gewerbetreibende – jegliche Sozialabgaben entfallen. Ebenso werden kein Krankengeld und Urlaubsgeld gezahlt. Darüber hinaus können die Aushilfskräfte jederzeit frist- und kommentarlos entlassen werden. Sie sind damit konjunkturellen Schwankungen schutzlos preisgegeben.