Autoboom ist ungebrochen

Auto und Verkehr 1964:

Eine weitere Steigerung der Produktion sowie eine Ausweitung der Angebotspalette sind die kennzeichnenden Merkmale der Automobilindustrie im Jahr 1964. Die Hersteller versuchen vor allem, mit mehr Komfort und anspruchsvollerer Technik Käufer zu gewinnen.

Auf dem 34. Genfer Auto-Salon (12. 3. – 22. 3.), dem wohl bedeutendsten Autoereignis des Jahres, wird die Vielfalt in der Kraftfahrzeugproduktion präsentiert: 80 Automarken aus aller Welt stehen zur Auswahl. Am stärksten vertreten ist Großbritannien mit 24 Marken, es folgen die USA (16), Italien (11), die Bundesrepublik Deutschland (10) und Frankreich (7).

Echte Neuigkeiten sind in Genf nicht zu sehen. Bei den von der Ausstellungsleitung angekündigten Weltpremieren handelt es sich zumeist um Sonderausführungen oder Weiterentwicklungen von Standardmodellen. Gezeigt werden u. a. die drei neuen großen Opel (Kapitän, Admiral und Diplomat), der BMW 1600, der Renault R 8 Major, die mit mehr PS ausgerüsteten britischen Sportwagen Austin-Healey, Austin-Sprite, der Rover 2000, der neue Porsche Sechszylinder, der DKW F 102 und der Ferrari (Typ 500) »Superfast«.

Im Verlauf des Jahres kommen noch einige beachtenswerte Neuentwicklungen hinzu. Zu nennen wären vor allem der Mustang von Ford USA, der Fiat 850 und die von Ford Köln präsentierten Modelle 20 M und 20 M TS.

In der Karosseriegestaltung zeichnet sich bereits beim Genfer Auto-Salon eine neue Richtung ab. Mehr und mehr ist das caravanähnliche Familienfahrzeug im Kommen. Der hintere Raum bietet vergleichsweise viel Platz zum Sitzen und Spielen. In einigen der großen US-amerikanischen Wagen erlauben zusätzliche Fenster im Karosseriedach den Blick nach oben.

Ob der Trend in Europa mehr zum großen oder doch mehr zum kleinen Auto geht, bleibt offen. Während die Produzenten in Italien, Großbritannien und Frankreich auf »klein« setzen – praktische Fahrmaschinen, sehr leicht zu parken -, baut man in der Bundesrepublik Deutschland größer und komfortabler und liegt damit – misst man den Erfolg an den Produktions- und Verkaufszahlen – offenbar richtig. Mit 2,65 Mio. hergestellten Personenkraftwagen im Jahr 1964 verbucht die bundesdeutsche Automobilindustrie wieder einen Produktionsrekord.

An der Spitze der deutschen Erfolgsliste steht das Volkswagenwerk. Mit einer Tagesproduktion von 5600 Autos und einem Jahresumsatz von 6,84 Mrd. DM stehen die Wolfsburger unter den Automobilproduzenten der Welt hinter General Motors, Ford und Chrysler an vierter Stelle. Allein im 1. Halbjahr 1964 werden vom VW 1200 1142 000 Stück und vom VW 1500 991 000 abgesetzt. Dichtauf folgen von Opel der Kadett mit 73 000 , der Rekord 1,5 Liter mit 65 000 und der Rekord 1,7 Liter mit 54 000 verkauften Autos. Opel konnte jedoch im Vergleich zum Vorjahr gegenüber VW aufholen. Die Rüsselsheimer verbuchen im 1. Halbjahr 1964 ein Absatzplus von 25,5% bezogen auf das 1. Halbjahr 1963; VW konnte seine Verkaufszahlen im gleichen Zeitraum um 13,4% steigern. Verbessern konnten ihre Ergebnisse ferner BMW (+ 10,7%), Daimler-Benz (+ 9,7%), NSU (+ 4,8%).

Eine neue Tendenz im Verbraucherverhalten zeigt sich in der Ankurbelung des bundesdeutschen Mietwagengeschäfts. 4861 Firmen verleihen derzeit rund 50 000 Autos (1963: 43 000 ) an etwa 2,3 Mio. Kunden im Jahr. Nach Auskunft deutscher Unternehmer werden die Leihwagen zu 80% von unfallgeschädigten Autobesitzern benutzt, die mit einem Ersatzwagen die Werkstattzeiten ihrer reparaturbedürftigen Privatfahrzeuge überbrücken wollen.