Die Elektronik im Dienste der Forschung

Wissenschaft und Technik 1964:

Zentrale Bedeutung kommt im Jahr 1964 der Raumforschung und Raumfahrt zu. Am 4. September bringen die USA den ersten von sechs OGO-Satelliten in den Orbit. Diese Satelliten sind »Orbiting Geophysical Observatories«, also um die Erde kreisende geophysikalische Observatorien. Sie ermitteln Messdaten über die Atmosphäre und Ionosphäre, das irdische und interplanetare Magnetfeld, das Nachtleuchten (Zodiakallicht) und das Polarlicht, elektrische Felder und die interplanetare Materie. Andere neue US-Satelliten dienen terrestrischen Beobachtungen mit einer Auflösung von etwa 100 m. In der Sowjetunion startet am 12. Oktober erstmals eine mit drei Kosmonauten besetzte Raumkapsel – Woschod 1 – zu einem Flug in das Weltall.

International erhält die Nutzung des erdnahen Weltraums eine neue Komponente durch die Gründung der Intelsat-Organisation, welche die Nachrichtensatelliten vom Typ Early Bird kommerziell betreuen soll. Gründungsmitglieder sind 14 Nationen; bis 1988 wächst die Vereinigung auf 150 Mitgliedsstaaten an. Die später größte Satellitenfunk-Empfangsstation der Welt wird in einer ersten Ausbaustufe in Raisting (Oberbayern) von der Deutschen Bundespost eingerichtet.

Raumforschung von grundlegender wissenschaftlicher Bedeutung betreiben die US-amerikanischen Astrophysiker Arnold Allen Penzias und Robert Woodrow Wilson, die in den Bell Laboratories arbeiten. Sie entdecken die Drei-Kelvin-Strahlung, eine gleichmäßig aus allen Richtungen des Weltalls kommende elektromagnetische Hintergrundstrahlung mit einer Wellenlänge von 1 bis 100 mm. Das entspricht der Strahlung eines schwarzen Körpers von 2,7 Kelvin (- 270,50 °C). Die Strahlung wird als energetischer Rest des Urknalls bei der Entstehung des Universums gedeutet und lässt auf das Alter der Welt schließen.

Die physikalische Grundlagenforschung liefert noch weitere wichtige Ergebnisse. In der UdSSR entdeckt der Physiker Dubna das künstliche Element 104 (Unnilquadium). Am Brookhaven National Laboratory auf Long Island entdecken Wissenschaftler das Omega-Elementarteilchen. Die US-amerikanischen Atomphysiker Murray Gell-Mann und George Zweig entwickeln außerdem das Quark-Modell. Als Quarks bezeichnen sie fundamentale Bausteine der Materie, die sich bisher nicht als freie Elementarteilchen nachweisen ließen. Aus ihnen bauen sich nach der neuen Theorie die sog. Hadronen (Protonen, Neutronen usw.) auf.

In Hamburg erhält die atomphysikalische Grundlagenforschung mit dem deutschen Elektronensynchrotron (DESY) ein erstes Großinstrument. Auf seiner Kreisbahn von 100 m Durchmesser lassen sich Elektronen für kernphysikalische Crash-Experimente auf 7,5 GeV (Gigaelektronenvolt) beschleunigen.

Ebenfalls in der Bundesrepublik läuft bei den Kieler Howaldts-Werken das erste deutsche Schiff mit Nuklearantrieb vom Stapel, der 16 870 BRT große Massengutfrachter »Otto Hahn«. In Dienst gestellt wird er allerdings erst 1968. Auf dem Gebiet der Industrieelektronik ist von mehreren Neuerungen zu berichten. – In Fernsehgeräten werden erstmals gedruckte statt gewickelter Spulen als elektronische Bauteile eingesetzt, was die Produktion wesentlich vereinfacht und verbilligt. – Die Firma IBM bringt eine erste elektrische Schreibmaschine mit elektronischem Textspeicher auf den Markt. Die Lettern werden bei ihr nicht im Moment des Tastenanschlags abgedruckt, sondern zuerst auf Magnetband gespeichert. Einzug in die industrielle Fertigung hält die Elektronik schließlich in Schweden, wo eine große Gießerei den ersten Industrieroboter einsetzt. Ohne modernste Elektronik ist auch die Luftfahrt nicht denkbar. Die USA verfügen ab diesem Jahr im militärischen Bereich über den Super-Bomber »B-70«.

Im Straßenverkehr neu ist der von dem deutschen Ingenieur Felix Wankel 1957 in einem Prototyp vorgestellte und nach ihm benannte Drehkolbenmotor. Die NSU-Werke in Neckarsulm bauen ihn jetzt erstmals serienmäßig in ein Automobil ein.