Ein Loblied auf die unsanierte Stadt

Architektur 1964:

»Die gemordete Stadt«, so betiteln der Architekturkritiker Wolf Jobst Siedler und die Fotografin Elisabeth Niggemeyer ihren 1964 herausgebrachten 192-seitigen Text- und Bildband, in dem sie die architektonische Sterilität der Behausungen, in denen Städter heute dank »Sanierung« und »Entballung« leben müssen, attackieren. Am Beispiel von Berlin (West) verspotten sie die tristen Resultate moderner Stadtplanung und rühmen den Charme von Großstadt-Hinterhöfen und Gründerzeit-Fassaden.

Sie stellen wilhelminische Stuck-Portale den modernistisch-eintönigen Rasterfassaden gegenüber, vergleichen lebensvolle Boulevards mit menschenleeren Schnellstraßen, Kolonialwarengeschäfte mit Selbstbedienungszentren und milieuträchtige Hinterhöfe mit den sanierten Rasenflächen an der Rückfront moderner Mietshäuser.