Kritische Autoren wollen Vergangenheitsbewältigung, Popmusik wird Jugendbewegung

Politik und Gesellschaft 1964:

Die Auseinandersetzung mit dem Hitler-Faschismus findet derzeit vor allem auf der Bühne und in der Literatur statt. Autoren wie Heinrich Böll, Günter Grass, Alfred Andersch, nicht zu vergessen Rolf Hochhuth mit seinem 1963 uraufgeführten Theaterstück »Der Stellvertreter«, wollen den schmerzhaften Prozess des Erinnerns erzwingen. Sie verlangen vom Nachkriegsdeutschland, das über die Verjährung von NS-Verbrechen sinniert und den Auschwitz-Prozess mehr oder minder unbeteiligt verfolgt, die Anerkenntnis politischer und moralischer Schuld.

Scheinbar ohne Zusammenhang mit den bohrenden Anklagen der Intellektuellen gegen die Etablierten begehrt auch die Jugend, auf ihre Weise, gegen die ältere Generation auf. Verwundert, ohne den Zündstoff zu erkennen, blicken die Eltern auf ihre Kinder, die sich die Haare wachsen lassen, die herkömmliche Kleiderordnung missachten, unbekümmert mit sexuellen Fragen umgehen und dieser »schrill-primitiven« neuartigen Popmusik verfallen sind. Die »Beatles«, die »Rolling Stones« und andere Bands in ihrem Gefolge lösen eine Massenbewegung aus. Mit ihrer Musik der »Good Vibrations«, unkonventionellen Texten und aufmüpfigem Auftreten wirken sie wie ein Magnet auf die Jugend, die sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien will und neue Lebensideale sucht. Kaum jemand ahnt allerdings schon 1964, dass Kritik an politischen Entscheidungen und Aufbegehren gegen die Erwachsenenwelt sich wenige Jahre später mit ungebremster Kraft in der Protestbewegung der Achtundsechziger entzünden werden.