Streng-sachlicher Stil mit leicht unterkühlter Ausstrahlung

Wohnen und Design 1964:

Sofa, Sessel, Couchtisch und Schrankwand bilden nach wie vor die Grundausstattung eines bundesdeutschen Wohnzimmers. Die Bemühungen von Innenarchitekten und Möbeldesignern, diese bieder-brave Kombination durch neue Wohnideen aufzulockern oder gar zu ersetzen, prallen fast ausnahmslos am Einheitsgeschmack des deutschen Bürgers ab. Variationen sind lediglich im Detail gefragt. Das Sofa findet man als Zweisitzer oder als Dreisitzer, die Sessel mit kantigen oder runden Formen, den Couchtisch mit Glas oder Holzplatte und die Schrankwand mit geschlossener Front oder – sehr viel moderner und von jungen Leuten bevorzugt – als offenes Regalsystem. Entscheidend ist für viele Schrankwandbesitzer, dass sich hinter den Fronten des beliebten Möbelstücks ein Rundfunkgerät und ein Fernseher verbergen lassen. Wer einen Hang zum Exklusiven verspürt, richtet sich zusätzlich eine Hausbar – etwa mit verspiegelten Innenwänden – ein. Zu den wirklich neuen Möbelstücken, die vom Verbraucher angenommen werden und sich einer regen Nachfrage erfreuen, gehören Schlafcouch und Etagenbett. Beide

sind platzsparend und somit ideal für kleine Räume, z. B. in Neubauwohnungen. Mit einer Schlafcouch lässt sich das herkömmliche Bett ersetzen. Tagsüber kommen Decken und Kissen in den Bettkasten, und das Zimmer kann als zusätzlicher Wohnraum genutzt werden. Das Etagenbett findet gewöhnlich im Kinderzimmer Verwendung und schafft einigen zusätzlichen Platz zum Spielen und Toben. Die Linien und Formen der modernen Möbel sind einfach, streng und sachlich. Auf überflüssige Schnörkel wird verzichtet – gefragt ist vor allem Funktionalität. Das Rechteck als geometrische Figur dominiert in der Formgebung. Der neue Wohnstil ist schlicht und verbreitet eine leicht unterkühlte Atmosphäre. Für jüngere Leute bieten viele Einrichtungshäuser preiswerte Möbel zur Selbstmontage an. Sitz- und Schlafgelegenheiten, Tische sowie Regale in allen Variationen können, in Einzelteilen verpackt, mit dem eigenen Auto nach Hause transportiert und dort mit ein wenig handwerklichem Geschick nach einer Anleitung in kurzer Zeit zusammengebaut werden. Zur Gestaltung der Wohnungen werden kräftige Farben bevorzugt.

Rot, Blau, Grün und Gelb kombiniert man mit glänzendem oder mattschwarzem Chrom. Polster- und Dekorationsstoffe sind einfarbig oder – beeinflusst von der Popart – mit großformatigen geometrischen Ornamenten versehen. Bei den Hölzern herrschen Palisander für den teuren Geschmack, ansonsten Nussbaum oder Teak vor. Aus Skandinavien kommen helle Hölzer, besonders Kiefer und Tanne. Ein neuer Trend zeichnet sich auf der im Februar stattfindenden Internationalen Möbelmesse in Köln ab: Mit Kunststofffurnieren beschichtete Möbel, die bislang in erster Linie in Küchen eingesetzt wurden, dringen verstärkt in andere Wohnbereiche vor. Vor allem für die Schlafzimmereinrichtung werden immer mehr »weiße Hölzer« verwendet. Bislang sind die Preisunterschiede zu Echtholzbeschichtungen noch nicht sehr groß. Da sich aber Kunststofffurniere sehr viel eher für eine Massenherstellung eignen und die Möbelfabrikanten über Lieferschwierigkeiten bei der Beschaffung von Edelhölzern klagen, rechnen die Fachleute damit, dass Kunststoffmöbel rasch im Preis sinken werden. Bislang fabrizieren erst 60 von 2000 deutschen

Möbelherstellern die neuen Kunststoff-Folien und erst drei produzieren sie in größeren Mengen. Die Nachfrage ist jedoch stark ansteigend. In der Küche wird das wasserresistente und kratzfeste Material schon seit Längerem für Einbausysteme benutzt. Die äußerlich schlichten Schrank- und Regalreihen bieten Platz für viele technische Raffinessen, welche die Hausarbeit erleichtern sollen. Da gibt es z. B. ausklappbare Brotschneidemaschinen oder Frühstückstische, Topfschränke mit ausschwingenden Regalbrettern, Trockenkammern für Küchenhandtücher und Einbaumöglichkeiten für alle Arten von modernen Maschinen. Der Renner des Jahres auf dem Möbelmarkt ist der »Lounge Chair«, die schickere Version des Fernseh-, Kamin- oder Klubsessels. Die meist leder- oder auch fellbezogene Sitzgelegenheit umweht ein Hauch von Luxus. Kaum ein Möbelhaus, das nicht einige Modelle der ausladenden, auf einer federnden Chromkonsole ruhenden Sessel im Programm hat. Ergänzt werden die »Supersessel« oft durch einen Fußhocker in gleichem Design und mit gleichem Bezug. Die »Lounge Chairs«, die zuerst in den USA auf den Markt kamen, finden einen so großen Absatz, dass Importeure oder Lizenz-Hersteller der US-Modelle in Lieferschwierigkeiten geraten. Mittlerweile haben jedoch auch einheimische Fabrikanten den Trend erkannt und die erfolgreichen ausländischen Modelle mit geringfügigen Abänderungen kopiert. Die Preise der Nachahmungen sind jedoch kaum geringer als die der Originale. Ledersessel kosten zwischen 1000 und 1800 DM, Sofas bis zu 3500 DM. Doch auch für geringere Beträge lässt sich die Sucht nach lederner Repräsentation schon befriedigen. Bei Neckermann oder Quelle sind mit Fell-Ersatz oder mit Skai bezogene Sessel für 200 bis 300 DM im Angebot, Sofas und Lederbänke für 400 bis 450 DM. Für ausgefallene Wünsche wird der »TV-Stratolounger« (1000 DM) bereitgehalten – ein Skai-bezogenes Sitzgerät, das sich laut Werbung »automatisch der vollkommenen TV- und Ruhelage anpasst«.