Bildungsreisen und Grundstücksspekulation

Urlaub und Freizeit 1965:

In der Urlaubssaison 1965 hält der Trend zu Reisen in südliche Zielgebiete an. Die Pauschaltouristen ziehen Nutzen aus einem Preiskampf zwischen dem größten bundesdeutschen Reisebüro Touropa und dem kleinen Billiganbieter Neckermann (NUR).

Gegenüber 1964 sinken die Flugpreise in die Mittelmeerländer um 15 bis 35%. Eine 14-tägige Flugreise nach Mallorca mit Vollpension ist 1965 für rund 298 DM gegenüber 459 DM im Jahr zuvor zu haben. Generell steigt die Zahl der Flugreisenden. Rund 30% aller Pauschaltouristen nutzen 1965 diese schnelle und bequeme Art des Reisens. Mit den preiswerteren Flugreisen rücken für viele Urlauber neue Ziele in den Blickpunkt. 1965 sind das vor allem der Libanon und die Türkei. Der Libanon lockt mit einer Verbindung von Bade- und Kultururlaub; sowohl Wassersport als auch Reisen in die biblische Vergangenheit sind möglich. Das Gleiche gilt für die Türkei, deren südanatolische Küste von bundesdeutschen Bauunternehmen gerade erst für den Tourismus erschlossen wird. Ähnlich wie in Spanien, wo seit 1959 der Umsatz im Fremdenverkehr von 70 auf 800 Mio. US-Dollar gestiegen ist, sollen in Südanatolien Appartements, Ferienhäuser und ganze Strandkolonien als Infrastruktur für die devisenbringenden Touristen hergerichtet werden.

Im Pauschaltourismus lässt sich darüber hinaus eine stärkere Zielgruppenorientierung feststellen. Das zweitgrößte bundesdeutsche Reiseunternehmen Scharnow (1965: 335 000 Touristen) beispielsweise organisiert für rund 230 DM erstmals zweiwöchige Gesellschaftsreisen für Rentner. Umfragen hatten zuvor deutlich gemacht, dass 63% aller 65 – 91-jährigen Bundesbürger einmal richtig Urlaub machen wollen. Das Wuppertaler Reiseunternehmen Tigges (1965: 50 000 Touristen) profiliert sich weiter als Reisebüro für Bildungsbeflissene. Vor allem Ärzte, Juristen und Lehrer begeistern sich für Kulturfahrten. Es werden ebenso Fernreisen für Landschaftsarchitekten zum Studium der japanischen Gartenkultur angeboten wie Studienfahrten für den Fleischereiverband durch US-amerikanische Schlachthöfe.

Chroniknet