Der Computer erobert das Alltagsleben

Wissenschaft und Technik 1965:

Zunehmend erobern sich Großrechner neue Anwendungsgebiete in alltagsnahen Bereichen. Erstmals ermitteln Computer schon vor der Bundestagswahl nach demoskopischen Umfragen von repräsentativen Personengruppen Prognosen zum Wahlausgang; am Wahlabend wird das Wahlergebnis schon vor der Auszählung aller Wahlkreise durch Hochrechnung der Stimmverteilung aus ausgewählten Stimmbezirken mit großer Genauigkeit errechnet.

In den US-amerikanischen Finanzbehörden ist der Aufbau der elektronischen Datenverarbeitung für die Steuererklärung aller Bürger bereits abgeschlossen und führt zu einer deutlichen Erhöhung der Steuerehrlichkeit. Die Rechner können die Angaben der US-Bürger mit Firmen- und Bankdaten abgleichen und so Irrtümer und Betrugsversuche meist aufdecken.

Der erste europäische Verkehrsrechner wird in Berlin eingesetzt, für den Münchener »Stachus« läuft die Planung. Andere deutsche Großstädte verhandeln bereits mit der Industrie über den Kauf von Rechnern. Sie ermöglichen für den innerstädtischen Verkehr die optimale Nutzung der Straßenkapazität. Durch Radar-, Ultraschall- oder Luftdrucksignale sowie über elektrische Signale aus Induktionsschleifen in der Fahrbahndecke empfängt der Rechner Daten über die Verkehrsdichte auf den verschiedenen Straßen und steuert danach die Ampelsignale. Der Rechnereinsatz bei der Planung von neuen Straßen verspricht eine Kostenersparnis von 1 Mrd. DM jährlich an Treibstoff.

Innovativ im Verkehrsbereich zeigt sich auch das französische Luftfahrtunternehmen Société Bertin mit dem Bau des ersten Luftkissen-Verkehrszugs der Welt. Das bereits seit einem Jahrzehnt bekannte Luftkissenprinzip wurde erstmals 1959 bei dem Wasserfahrzeug »Hovercraft« realisiert. Der Anwendungsversuch zu Lande erfolgt über eine 3 km lange Hochtrasse. Der Antrieb, ein Heckpropeller, ist dem Flugzeugbau entlehnt. Ende 1965 erreicht der im Maßstab 1 : 2 gebaute »Aerotrain experimental 01« Geschwindigkeiten von mehr als 200 km/h.

Mit seinem Tauchprojekt »Pre Continent 3« gelingt dem französischen Meeresforscher Jaques Yves Cousteau eine neue Höchstleistung bei der Tauchdauer. Vor der französischen Mittelmeerküste bewohnen sechs Taucher für drei Wochen ein nach unten offenes Stahlgehäuse und erproben so die Belastbarkeit des menschlichen Organismus bei langen Tieftauchperioden. Damit werden künftige Unterwasserstationen zur Erforschung des Meeres für wirtschaftliche und wissenschaftliche Zwecke vorbereitet. Die Taucher atmen ein Gasgemisch mit 85% Heliumanteil, wodurch der gefürchtete »Tiefenrausch« vermieden wird.

Eine 1959 begonnene internationale Forschungsaktion zur Erkundung des Indischen Ozeans erbringt verbesserte Seebodenkarten und Voraussagen über unterseeische Erdöl-, Erdgas- und Metallerzvorkommen. An dem durch die Intergovernmental Oceanographic Commission (IOC) der UNESCO koordinierten Programm waren 40 Schiffe aus 23 Ländern beteiligt.

Die Erforschung des Weltraums macht große Fortschritte durch den ersten geostationären Kommunikationssatelliten »Early Bird« durch die USA. Mit dem »Weltraumausflug« des Kosmonauten Alexei A. Leonow gelingt der Sowjetunion ein wichtiger Schritt zum Einsatz von Astronauten außerhalb des Raumschiffes und damit zum Aufbau von dauerhaften Weltraumstationen. Die USA realisieren ihr erstes Aussteigemanöver am 3. Juni.