Vollbeschäftigung, Automation und Gewinnbeteiligung

Arbeit und Soziales 1965:

Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel kennzeichnen 1965 die Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik. Das Fehlen von Arbeitskräften führt sogar zu einem leichten Absinken der Steigerungsrate (8,0%) des realen Bruttosozialprodukts im Vergleich mit dem Vorjahr (8,3%).

Die Nettorealverdienste der Arbeitnehmer weisen mit 6,5% eine der höchsten Zuwachsraten seit 1950 auf. Die erfolgreiche Lohnpolitik der Gewerkschaften wird durch die für Arbeitnehmer günstige Situation am Arbeitsmarkt ermöglicht. Die Arbeitslosigkeit erreicht mit 0,7% (1147 000 Erwerbslosen) den niedrigsten Stand seit Gründung der Bundesrepublik 1949. Zwar steigt die Zahl ausländischer Arbeitnehmer um 231 000 auf über 1,1 Mio. und damit von 4,1% auf 5,5% der Beschäftigten. Dieser Zuwachs wird aber durch mehrere Faktoren ausgeglichen:

  • In mehreren Bundesländern wird das neunte Pflichtschuljahr eingeführt, das den Zugang der Jugendlichen zum Arbeitsmarkt verzögert
  • Den gleichen Effekt hat der zunehmende Besuch weiterführender Schulen
  • Die durchschnittliche tarifliche Arbeitszeit sinkt weiter – 1965 allein um 0,6 Stunden (1,4%) auf 42,8 Stunden pro Woche.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände befürchtet daher einen Arbeitskräftemangel in der bundesdeutschen Wirtschaft bis tief in die 70er Jahre hinein. Auf diese Gefahr reagiert Bundeskanzler Ludwig Erhard in seiner Regierungserklärung vom 10. November mit der unpopulären Forderung nach einer Stunde Mehrarbeit pro Woche für alle bundesdeutschen Arbeitnehmer.

Das Fehlen von Arbeitskräften führt zu einer verstärkten Suche nach Möglichkeiten der Rationalisierung und der Automatisierung. Insbesondere in der Massen- und Serienfertigung in Eisen- und Stahlwerken, in Erdölraffinerien sowie in der Nahrungsmittelindustrie werden Arbeitsabläufe standardisiert und mechanisiert. Nicht nur in der Fertigung sondern auch in der Steuerung der Produktionsabläufe wird menschliche Arbeitskraft immer entbehrlicher.

Elektronische Datenverarbeitung macht sich vor allem die chemische Industrie zunutze. Wenige Fachleute reichen aus, um die Tätigkeit des »Elektronengehirns« zu überwachen. Anfang 1965 gibt es in der Bundesrepublik über 1800 Anlagen dieser Art, die in der Produktion sowie in der Verwaltung für die Lohnabrechnung, die Lagerhaltung und den Materialeinkauf verwendet werden. Die bundesdeutsche Wirtschaft ist damit führend in Europa. Sie weist jedoch einen erheblichen Rückstand im Vergleich mit den Vereinigten Staaten auf, wo 1964 bereits 16 500 elektronische Rechner installiert waren.

Vollbeschäftigung und gute Aussichten auf lukrative Arbeitsverträge bei anderen Firmen zwingen die Unternehmen dazu, darüber nachzudenken, wie sie die Mitarbeiter an die Arbeitsplätze binden können. Mehr als hundert Betriebe in der Bundesrepublik praktizieren bereits die Gewinnbeteiligung für Arbeitnehmer. Sie kommen damit Forderungen von SPD und Gewerkschaften nach einer gerechteren Verteilung der Unternehmensgewinne und des Volkseinkommens entgegen. Eine Sonderstellung nimmt dabei die Textilfirma Paul Spindler in Hilden bei Düsseldorf ein, bei der trotz der unbefriedigenden Ertragslage in der Textilindustrie fast 700 von 1000 Firmenangehörigen Mitunternehmerverträge unterschrieben haben. Dabei werden die Mitarbeiter sowohl an den Gewinnen wie auch an den wirtschaftlichen Risiken des Unternehmens beteiligt.

Sozialpolitiker aller Parteien erwarten wegen des fallenden Anteils der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung in naher Zukunft Finanzierungslücken in der Rentenversicherung. Der Altersaufbau der Bevölkerung zeigt deutliche Verschiebungen. Seit 1950 sinkt der Anteil der 15 bis 60-Jährigen (von 62,7% auf 59,3%), während der Anteil der über 60-Jährigen (von 13,8% auf 18,1%) steigt. Gleichzeitig zeichnet sich ein Ende des seit 1960 beobachteten hohen Geburtenüberschusses ab. Bevölkerungsstatistiker erklären die fallende Geburtenrate mit einem Rückgang des Anteils von kriegsbedingten Spätehen. Auch die Kinderzahl pro Familie sinkt stetig (1950: 2,07/1965: 1,78); der Trend geht zur Zweikinderfamilie.

Die sozialstaatliche Absicherung der Familie wird zunehmend Thema der Sozialpolitik. Das erste Wohngeldgesetz vom 1. April spricht Familien mit geringem monatlichen Einkommen staatliche Mietbeihilfen zu.