Bildungsnotstand ausgerufen

Bildung 1966:

Schon im Vorjahr wurde vielfach vor der drohenden »Bildungskatastrophe« gewarnt, 1966 wird zusätzlich der »Forschungsnotstand« in der Bundesrepublik ausgerufen: Den Hochschulen fehlen Millionensummen, um die Ausbildung der Studenten, deren Zahl sich seit 1955 auf 260 000 verdoppelt hat, zu gewährleisten. Die Misere an den Universitäten verursacht mittelbar die Problemlage an den Schulen, wo Tausende von Lehrern fehlen, um die geburtenstarken Jahrgänge des letzten Jahrzehnts zu unterrichten.

Zu Beginn des Jahres sieht es zunächst nicht so aus, als wollten Bund und Länder den Empfehlungen der Hochschulvertreter folgen und die Haushaltsausgaben für Lehre und Wissenschaft erhöhen. Die Einsparung der Beträge hätte Baustopps bei 100 Projekten zur Folge, die vornehmlich neue Kliniken und naturwissenschaftliche Institute betreffen. Nach massivem Eintreten des Wissenschaftsrats und vermehrten Protesten von Professoren und Studenten wird jedoch im September eine Erhöhung der Mittel von 430 Mio. auf 530 Mio. DM beschlossen. Obwohl Experten diese Aufstockung als »Tropfen auf den heißen Stein« bezeichnen, erntet die Entscheidung in der Öffentlichkeit viel Lob, denn die Misere hat so immense Ausmaße angenommen, dass jeder Pfennig willkommen ist: Im Studienfach Medizin beispielsweise können aufgrund von Lehrkräfte- und Raummangel zum Wintersemester 1966/67 nur 2000 von 8000 Bewerbern immatrikuliert werden. Angesichts der wachsenden Studentenzahlen hat die Lehre in den letzten Jahren zunehmend Vorrang vor der Forschung erhalten, eine Entwicklung, die viele Wissenschaftler zur Abwanderung ins Ausland bewegt. Vor allem die Universitäten in den USA bieten bessere Forschungs- und Aufstiegsmöglichkeiten sowie höhere Bezahlung. Angesichts des zunehmenden Abflusses an Kapazitäten schlägt Bundeswissenschaftsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) im Februar Alarm: Jeder siebte Lehrstuhl an deutschen Hochschulen sei derzeit unbesetzt. Im Wintersemester 1966/67 bleiben dadurch 654 von 4598 Professorenstellen vakant. Die Universität Köln erlässt im Februar an den wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten eine beschränkte Zulassungssperre für die nächsten beiden Semester. Die Maßnahme ist notwendig geworden, da für 900 Examenskandidaten im März nur 31 Professoren zur Verfügung stehen, die 10 800 Klausuren und 5400 mündliche Prüfungen abnehmen müssen. Angesichts solch chaotischer Missstände mangelt es natürlich nicht an Plänen zur Abhilfe. Dabei stehen vor allem eine Beschleunigung der Habilitationsverfahren und eine umfassende Studienreform, die eine Trennung von Lehre und Forschung bewirken soll, im Mittelpunkt der Forderungen. Nach US-amerikanischem Vorbild wird eine Differenzierung von Grund- und Hauptstudium gefordert, bei der die erste Phase berufsvorbereitend, die zweite zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzipiert sein soll. Da nicht genügend Absolventen die Hochschulen verlassen, pflanzt sich die Notlage an den Schulen fort: Immer weniger Lehrer stehen vor immer volleren Klassenräumen. Der Mangel an Ausbildern betrifft dabei alle Schultypen gleichermaßen. Die Kultusministerien der Länder geben inzwischen sogar Broschüren heraus, in denen die Attraktivität des Lehrerberufs in den schillerndsten Farben geschildert wird.

Der nordrhein-westfälische Bildungsminister Paul Mikat (CDU) hat zudem eine besondere Maßnahme veranlasst: In seinem Bundesland können sich Absolventen von Realschulen ab April zu Fachlehrern für Kunst, Musik, Werken, Sport, Hauswirtschaft und textilem Gestalten ausbilden lassen – allein im Fach Kunst beträgt der Lehrermangel in NRW 42% des eigentlichen Bedarfs. Nach einer dreijährigen Ausbildung an eigens für sie eingerichteten Instituten und einem einjährigen schulpraktischen Lehrgang sind die »Mikater« und »Mikätzchen« dann an allen Schultypen einsetzbar.